Amerika, du hast es besser!

Amerika, du hast es besser!

TRIER. Sage niemand, das Trierer Theater sei von gestern. Sogar die Neujahrskonzerte sind hoch aktuell. Die diesjährige Doppelveranstaltung entwickelte sich zum klingenden Polit-Barometer.

Gleich zu Beginn stimmte man die Besucher wirkungsvoll auf die Agenda 2010 ein und ersparte ihnen das Programmblatt. Mit der Folge, dass Generalmusikdirektor István Dénes seine Moderatorenqualitäten ins rechte Licht setzen konnte und überdies der misslichen Lage einen Vorteil abrang: Wenn's kein Programm gibt, muss man auch keine Änderungen ansagen. Das stimmt - und lässt sich mühelos auf die Politik übertragen. Das Neujahrskonzert - wieder in einer Nachmittags- und einer Abendversion - begann situationsgemäß sozusagen in Moll. Das Städtische Orchester servierte dem im Nachmittagskonzert eher spärlich erschienenen Publikum erst mal träumerischen Chopin. Vielleicht als eine Art Denkhilfe für den Umgang mit neuen Kürzungen im Gesundheitswesen. Leider blieb von der nuancenreiche Noblesse dieser Tonsprache wenig übrig, zumal die Instrumentation des verdienstvollen Alexander Glasunow - er hielt im Petersburger Konservatorium auch im Revolutionswinter 1917/18 unbeirrt die Stellung - zwar gekonnt ist, aber doch recht neutral bleibt.Von der "Geier-Wally" zum Wirtschafts-Wunderland

Auch das folgende Stück passte in die politische Landschaft. Vera Wenkert gab mit schwerer Stimme und dramatischem Tonfall eine Arie aus Alfredo Catalanis Oper "La Wally" zum Besten. Die entstand nach dem deutschen Roman "Die Geier-Wally” und erinnert uns damit an einen Vogel, der im modernen Wirtschaftsleben eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Der erste Teil endete mit einem kurzweiligen Ausflug ins Mutterland der Marktwirtschaft. Amerika, du hast es besser. Die Wirtschaft dort boomt, und mit Leonard Bernstein komponierte ein Universalgenie, dem gegenüber europäische Komponisten-Größen akademisch wirken. Das "Divertimento1970" hat was: Witz, Parodie, gezielte Zirkus-Assoziationen und immer wieder neue Überraschungen. Und das Schönste: Das Städtische Orchester und István Dénes präsentierten solche Vorzüge nicht nur sauber und ordentlich - nein, mit hörbarem Spaß, mit einer Portion Augenzwinkern. Kein schlechter Start ins Musik-Jahr 2004! Nach der Pause ruderten die Akteure zunächst einmal zurück ins Becken der gedämpften Stimmung und lieferten einen Walzer aus der Operette "Eva" von Franz Léhar. Der komponierte mit wachsendem Alter immer ambitionierter und sentimentaler. Mit dem Lied "Meine Lippen, die küssen so heiß" aus "Giuditta" lieferte die wieder vorzügliche Vera Wenkert jedenfalls ein Musterstück tränenumflorter Unterhaltung. Der folgende "Transactionen Walzer" von Josef Strauss war wohl als dezenter Hinweis auf Anlageformen aus dem Ertrag der Steuerreform gedacht. Bis man schließlich zur Erleichterung etlicher Besucher zu Bruder Johann Strauss überging. Zunächst die Bauernpolka, sozusagen interaktiv und mit singendem Publikum, dann die Walzer "Lob der Frauen" und "Leichtes Blut". Mit den "Geschichten aus dem Wienerwald" gelang dem Städtischen Orchester Trier sogar ein feinsinniges und schwungvolles Glanzstück.Radetzky-Marsch bringt Stimmung auf Höhepunkt

Die Stimmung stieg und erreichte beim Radetzky-Marsch den Höhepunkt. Der Neujahrs-Optimismus war gerettet. Und das ist gut so. Schließlich hatte unser aller Bundeskanzler die Deutschen am Jahresende eindringlich zu mehr Konsumeifer ermahnt. Nur am obligatorischen Schild "Prosit Neujahr" fanden sich unverkennbare Spuren nagender Theatermäuse. Die sind bekanntlich fast so arm wie eine Kirchenmaus. Dann kamen noch völlig unerwartet und pünktlich zum Ende des Nachmittagskonzerts die Programmzettel. Die Dramaturgie hatte sie in einer Eil-Aktion getippt und vervielfältigt. Dass sie von der Deutschen Bahn transportiert wurden, ist also nur ein bösartiges Gerücht.