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An Beethoven führt in Köwerich kein Weg vorbei

Kostenpflichtiger Inhalt: 250. Geburtstag : An Beethoven führt in Köwerich kein Weg vorbei

Im beschaulichen Moselort Köwerich (Kreis Trier-Saarburg) steht das Haus der Vorfahren Ludwig van Beethovens. Während die Musikwelt den 250. Geburtstag des Genies feiert, wappnen sich die Einwohner des Ortes für das Jubiläum – mit Kultur, Wein und moselländischer Gelassenheit.

Sie kommen, fotografieren und singen. An sonnigen Tagen belagern Touristen den Gartenzaun des Hauses am St.-Kunibert-Platz Nummer 2. Sie schmettern voll Inbrunst „Freude schöner Gotterfunken“ – Beethovens berühmte Ode an die Freude aus der 9. Sinfonie – bewundern die üppigen Rosensträucher und erhaschen dabei manchmal einen Blick auf die Bewohner Wolfgang (82 Jahre) und Ursula Götte (75 Jahre).

Das Beethoven-Haus in Köwerich. Foto: TV/Verona Kerl

Das Rentnerehepaar hat sich an diese Szenen längst gewöhnt. „Ich weiß nicht, wie viele Bilder es von mir mittlerweile in Amerika gibt“, lacht Wolfgang Götte. Der Hof, in dem einst Ludwig von Beethovens Urgroßvater lebte, retteten die Göttes 1974 buchstäblich vor dem Verfall. „Wenn wir das Haus nicht gekauft hätten, wäre es abgerissen worden.“ Erst seit 2010 steht es unter Denkmalschutz, ist heute das meistfotografierte Gebäude in Köwerich und ein echter Touristenmagnet.

Dabei hatten die Göttes, die in Trittenheim wohnten, damals keine Ahnung, was für ein prestigeträchtiges Objekt sie da eigentlich kaufen wollten. Erst kurz vor Vertragsunterzeichnung erfuhren sie von Johann Heinrich Keverich und seiner Sippschaft. Beethovens Urahn (1616-1709) arbeitete als Kutscher für den Trierer Kurfürsten und lebte auf seinem landwirtschaftlichem Betrieb als Winzer und Ackerer mitten im Dorf. Doch als der kurfürstliche Hof von Trier nach Koblenz umzog, nahm Johann Heinrich seine Familie mit. Ob der Moselaner besonders musikalisch war, ist nicht überliefert.

Marcus Regnery zeigt vor seinem Weingut Geschwister Köwerich in Köwerich zwei Flaschen mit altem und neuem Etikett. Foto: TV/Verona Kerl

Seine Enkelin, Maria Magdalena (1746-1787), wuchs jedenfalls am Rhein auf. Sie heiratete in zweiter Ehe den Hofmusiker Johann van Beethoven, der – wie der Zufall es wollte – in Diensten der in Bonn residierenden Kölner Kurfürsten stand. Der Rest ist Musikgeschichte.

Für die Vergangenheit haben die Göttes ein Faible. Als sie endlich mit der Sanierung fertig waren, beauftragten sie einen Maler aus der Region, Mutter Maria und Sohn Ludwig auf ihrer Hausfassade zu verewigen. Als Vorlage verwendete der kurzerhand ein altes Weinetikett aus Köwerich, auf dem die beiden Konterfeis prangten. Um das Bild komplett zu machen, stellte das Ehepaar mitten in ihren Bauerngarten ein Notenpult mit zwei Musikersilhouetten auf. Und vor dem Hauseingang thront seit kurzem die Büste des Komponisten auf einem Sockel. Für Göttes kann die Saison beginnen.

Was wissen die Kinder der Trierer Dommusik über Beethoven?

Übersehen lässt sich der Name Beethoven kaum in dem Dorf, das exakt 403 Einwohner zählt. Auf dem Ortseingangsschild begrüßt die Musik-Ikone höchstpersönlich die Gäste, der Moselradweg ist auf diesem Streckenabschnitt identisch mit der kilometerlangen Beethoven-Straße die quer durch den ganzen Ort führt, die Beethovenappartements laden zum Übernachten ein, und im Weingut Geschwister Köwerich verrät Winzer Marcus Regnery vielleicht, welchen besonderen Draht er zu dem Mann hat, der einst die Musikwelt revolutionierte.

Die Beethovenstraße in Köwerich. Foto: TV/Verona Kerl
Die Besitzer des Beethovenhauses Wolfgang und Ursula Götte vor der neu aufgestellten Skulptur des Komponisten. Foto: TV/Verona Kerl

Kultur- und Weinbotschafterin Vanessa Brockmüller kennt (fast) alle Geschichten, über das Beethovenhaus, die Beethovenstraße mit den vielen historischen Gebäuden, den Steillagenweinbau an der Mosel und das Weingut Geschwister Köwerich. Wenn die Saison Anfang April beginnt, ist ihr Terminkalender daher voll mit Weinspaziergängen und Führungen. „Die Nachfrage ist gestiegen. Beethoven hat ganz klar einen Werbeeffekt für Köwerich. Wir erhalten Anrufe von Touristinfos und Winzerbetrieben“, sagt sie. „Oft werde ich auch gefragt, ob man das Beethovenhaus besichtigen kann. Kann man aber nicht.“ So offen und freundlich Wolfgang und Ursula Götte zu Touristen sind, ihre vier Wände bleiben für Fremde tabu.

Im Weingut Geschwister Köwerich stehen die Türen für Besucher dagegen offen. Wenn Marcus Regnery zur Flasche greift, plaudert er nicht nur über seinen Wein, sondern auch über seine entfernten Verwandten, den Köwerichs vom St.-Kunibert-Platz Nummer 2. Seine Eltern, Eduard und Gertrud Regnery, erbten 1959 das Stammhaus und den Winzerbetrieb der Familie Köwerich von Peter Köwerich, einem Cousin von Regnerys Großvater mütterlicherseits. Da Peter und seine Schwester Elisabeth ohne Nachkommen starben, endete der Zweig, der namentlich noch mit Beethovens Familienstamm verbunden war. Bis 1971 lebte Familie Regnery in der Dorfmitte. „Dann wurden die Räume irgendwann zu klein. Es gab ja auch keine Weinkeller im Haus selbst. Die waren in der Kapellenstraße“, sagt Regnery. So fiel der Hof an die Gemeinde Köwerich und verwaiste. Regnerys aber zogen ans andere Ende des Dorfes, in die Beethovenstraße 27, bauten ihren Betrieb auf 14 Hektar Rebfläche aus und produzieren heute 120 000 Flaschen.

Beethovens Konterfei ziert den Rieslingsekt des Weinguts in Köwerich. Foto: TV/Verona Kerl

Beethoven, der einen guten Tropfen sehr zu schätzen wusste, hätte diese Entwicklung mit Sicherheit gefallen und würde ein Deputat einfordern. Denn auf allen Etiketten springt dem Weintrinker sein Gesicht ins Auge. „Diese Beethoven-Etiketten sind eine alte Tradition“, sagt Marcus Regnery. „Schon 1928 haben die Geschwister Köwerich ihr eigenes Etikett gehabt.“ Fürs Beethoven-Jahr lasse er keine Sonderetiketten entwerfen, sein Wein sei kein Merchandising-Artikel. „Wir machen aus Trauben Wein. Das ist alles.“ Dennoch arbeitet er in diesem Jahr mit der Beethoven-Gesellschaft in Bonn zusammen und liefert Wein, etwa für Veranstaltungen in die Villa Hammerschmidt, dem Zweitwohnsitz des deutschen Bundespräsidenten.

Beethovenstraße Köwerich. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

„Kultur und Wein gehören für mich zusammen“, sagt Marcus Regnery und freut sich schon auf das Beethovenkonzert in seinem Weingut (siehe Info). Für dieses Ereignis haben sich Wolfgang und Ursula Götte bereits Karten gekauft. Eine angenehme Abwechslung zu den Gesängen ihrer Zaungäste.