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An der Schwelle zum Schweigen

An der Schwelle zum Schweigen

John Cage war kein musikalischer Spaßmacher und kein inhaltsarmer Provokateur, sondern ein genialer Einzelgänger mit höchstem Anspruch an seine Werke und deren Interpretation. Gleich das Eröffnungskonzert der Luxemburger "rainy days" offenbarte etwas vom Reichtum, den dieser Komponist entfaltet.

Luxemburg. Nein, das legendäre 4\'33\'\', in dem gut vier Minuten lang nichts geschieht, ist kein Witz, obwohl manche unter den rund 600 Besuchern in den Philharmonie das annahmen und munter ins Stück hereinapplaudierten. John Cage zieht nur aus der Tradition eine radikale und unwiederholbare Konsequenz. Pausen, also Musik, in der nichts erklingt, waren Teil der musikalischen Rhetorik, die "redenden" Pausen bei Haydn und dessen Vorbild Carl Philipp Emanuel Bach gehören dazu. Und was wäre Bruckners Sinfonik ohne die großen Generalpausen?
Auch 4\'33\'\' ist Musik. Wer die Stille als musikalisches Ereignis wahrnimmt, für den eröffnet sich ein imaginärer Klangraum. Haydns gleichermaßen bekannte und unterschätzte "Abschiedssinfonie", in der die Musiker das Podium verlassen, ist in diesem Zusammenhang gleichfalls mehr als ein provokanter Witz. Auch diese Komposition geleitet in das beredte Schweigen, das Cage so eindringlich beschwört. Das Orchestre Philharmonique freilich verschenkte unter Lucas Vis allerdings den ersten Satz und fand erst danach zu Haydns genialer Verbindung aus Energie und Sensibilität.
Für Überraschungen gut


Erneut war der Start der "rainy days" für Überraschungen und Entdeckungen gut. Wenn in Cages "Postcard from Heaven" 20 Harfenistinnen des Amsterdam Harp Ensembles den Großen Saal zum Tönen bringen, dann entfaltet sich die Räumlichkeit, mit der Cage experimentiert und die Voraussetzung ist für alle Art von Musik.
Auch Johannes S. Sistermanns uraufgeführtes Auftragswerk "Unstrument für leeres Orchester" greift die Idee des musikalischen Raums auf, bleibt freilich im elektronischen Arrangement eines Orchesterklangs einfallsreicher als in der Komposition.
Überhaupt: Cage entpuppte sich als kluger, überaus versierter Komponist. Unter den Händen des Orchestre Philharmonique und seines Dirigenten Lucas Vis entfaltete die frühe Ballettmusik "The Seasons" eine nachgerade impressionistische Klang-Vielfalt und geizt trotz grundlegender Atonalität nicht mit romantischer Terzenseligkeit. Und "Sixty Eight" aus Cages Todesjahr 1992 baut auf der Basis von aufeinander folgenden Einzeltönen ein weites Spektrum von Klangfarben. Das Werk fordert bis an die Grenze der Konzentrationsfähigkeit, doch die Musiker vom Orchestre Philharmonique hielten die Spannung über die gesamte Distanz.
Zu Ende war die Eröffnung des diesjährigen Neue-Musik-Festival damit nicht. Im Foyer feilten die United Instruments of Lucilin an Cages "Sculptures Musicales". Raumklänge bis zum letzten Ton. mö
Die nächsten Termine:
Donnerstag, 29. November, 20 Uhr, Grand Théâtre (hinter der Bühne): "A Liquid Room for John Cage" mit dem Ictus Ensemble.
Samstag, 1. Dezember, 20 Uhr, Studio Lucilin (20a, rue de Strasbourg, Luxemburg-Stadt) "Living Room Music”. Ein Cage-Abend im "Wohnzimmer" des Ensembles Lucilin.
Sonntag, 2. Dezember, 15 Uhr, Tag der offenen Tür, verbunden mit "The Big John Cage Extravaganza & Toy Piano World Summit" mit über 50 Konzerten und Performances, zum Teil aus Spielzeugklavieren. mö