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Andris Nelsons dirigiert in der Luxemburger Philharmonie

Andris Nelsons. Foto: Philharmonie
Andris Nelsons. Foto: Philharmonie
Luxemburg. Musik als Mahnmal, aber auch als Zeugnis menschlicher Trauer stand im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Konzerts des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Andris Nelsons. Bewegt und betroffen bedankten sich die etwa 800 Zuhörer in der Luxemburger Philharmonie.

Luxemburg. Was vermag die Musik? Es gibt Abende, da scheint die Frage nach dem Wesen der Musik, dringlicher als an jedem anderen Tag. So ein Abend war am Samstag in der Luxemburger Philharmonie. Andris Nelsons und seine Musiker gaben dort eine Antwort, die eindeutiger nicht sein konnte. Musik vermag uns tief in unserem Innersten zu treffen, uns zu erschüttern, sie vermag in Klang zu übersetzen, was in Worten unfassbar bleibt.
Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und seinem Rundfunkchor war der lettische Dirigent Nelsons nach Luxemburg gekommen und hatte schweren Stoff im Gepäck. Darunter Arnold Schönbergs selten gehörte Kantate "Ein Überlebender aus Warschau" - der Bericht eines Holocaust-Zeugen. Als Erzähler machte der großartige Bariton Gerald Finley Schmerz, Verzweiflung, und Ohnmacht hörbar. Wo die Worte an ihre Grenzen gerieten, wurde die Musik zur Sprecherin und berichtete aus einer Seelennacht voller Grauen, Tumult, schrillen Schreien und Entsetzen.
Nelsons deutete die Nuancen der Musik fein aus, achtete auf genaues Spiel, ohne dabei ein Tonbürokrat zu werden. Wie er gleichermaßen sinfonischen Klang und differenzierten Ausdruck beherrscht, wurde einmal mehr in den folgenden "Metamorphosen" von Richard Strauss erlebbar, einer Studie für 23 Solostreicher, die unter dem Eindruck der Zerstörung von München 1945 entstand. Bewegend: zu Beginn die tiefen Streicher in ihrer dunklen Trauer, die Geigen mit ihrer Wehmut und später ihrem schneidenden Schmerz.
Nach der Pause erklang Joseph Haydns "Missa in angustiis" in d-Moll, die berühmte "Nelsonmesse", mit gewaltigem Chor und strahlendem Orchester zur Ehre Gottes und einem intimen "Agnus Dei" gegen die eigene menschliche Angst und Not. Wunderschön: Julia Kleiters warmer Sopran, dazu Katija Dragojevic dunkler Mezzosopran. Eindrucksvoll: Mark Padmore`s Tenor und Gerald Finleys Bariton. Selten war ein Abend so bewegend. er