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Anna Depenbuschs neues Album Echtzeit

Albumkritik : Der Zauber des Alltäglichen

Das große Gefühl im kleinen Moment, der Zauber des Alltäglichen“  - Das sind die Augenblicke, die Anna Depenbusch in ihren Liedern in den Mittelpunkt stellt, zum Zentrum ihrer sprachmächtigen Songs macht.

Die Liedermacherin – auf diesen altmodisch anmutenden Begriff legt die Hamburgerin großen Wert – stellt jetzt mit „Echtzeit“ ein neues Album vor.

Darauf zu finden sind insgesamt elf eigene Titel, die in der Technik des sogenannten analogen Vinyl-Direktmitschnitts  aufgenommen worden sind. Das heißt, „eine Echtzeit-Aufnahme also, in welcher das Album am Stück, ohne Schnitt und ohne Pause, live und komplett analog eingespielt wird.“ Ort der Aufnahme sind die Emil Berliner Studios im Januar dieses Jahres.  „Charmante Unregelmäßigkeiten gehören zum echtzeitigen Konzept“ des Werks. Für Anna  stellt sich ständig die Frage: „Wie echtzeitfähig sind wir selbst eigentlich?“

Ihre Lieder stellt sie derzeit wieder auf Tonträgern sehr gerne solo am Klavier vor: zuletzt im Jahr 2016 auf ihrem Album „Das Alphabet der Anna Depenbusch in Schwarz-Weiß“. Und jetzt eben das aktuelle Opus „Echtzeit“. Es startet mit dem Titelstück, das davon handelt, sich dem Smartphone-Wahn und dem ständigen Wunsch nach Selbstverbesserung zu verweigern: „Ich träume virtuos / in Slow-Motion-Videos / für meine kleine Freiheit / in Echtzeit“.  Dann schlägt das Lied „Eisvogelfrau (für Emmy)“ (2) den Bogen zunächst zurück zu Umbruchzeiten im vergangenen Jahrhundert, indem es an eine mutige – tatsächlich reale - Sängerin erinnert. Ein sehr gelungener Titel! Doch nicht nur zurück in die Vergangenheit führen Annas Lieder, sondern auch über die Gegenwart – die meisten Stücke - weit hinaus in die Zukunft: „Wie möchte ich eigentlich künftig meine Lebenszeit erfüllt verbringen?“, heißt es auf dem Album. Im Song „Tim 2.0“ (4) begibt sich die Liedermacherin zehn Jahre später noch mal auf Spurensuche nach der männlichen Hauptfigur aus dem Lied „Tim liebt Tina“ vom Album „Die Mathematik der Anna Depenbusch“. Was macht er heute, hat Tim sich dem „Optimierungswahn“ angeschlossen, wonach sehnt er sich? In „Alte Schule“ (6) verrät Anna, dass sie ein Stück weit durchaus altmodisch ist: Denn „Ich bin alte Schule, kein bisschen Science Fiction ...“, singt sie da. Unter den insgesamt elf Titeln finden sich auch zwei kurze reine Piano-Solo-Stücke: „Hilbert“ (9) und „Schlaflied für Pauli“ (11). Anspieltipps: Das ironische „5 Meter“ (7) sowie der verkappte Protest „Gegen die Schwerkraft“ (8): „Die Zeichen der Zeit wollen Schwerelosigkeit“, und „reißt die Funkverbindung ab, navigierst du vor die Wand“, heißt es da.

Insgesamt wieder ein äußerst ansprechendes Album der Hamburger Künstlerin.                                                 Jörg Lehn

Anna Depenbuschs Konzerte zur Echtzeit-Tour wurden wegen der Corona-Pandemie verlegt und starten jetzt ab September 2020.

Anna Depenbusch: Echtzeit, (CD, Vinyl, digital), Liedland, Hamburg 2020.