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Anne Haigis in der Tufa Trier

Musik : Neunzig Minuten mit einer Rocklady und ihrem Hund

Anne Haigis spielt solo vor begeisterten Zuhörern in der Trierer Tuchfabrik und erzählt Anekdoten aus ihrem bewegten Leben.

Hund Yella trottet gemächlich auf die Bühne, schaut in den großen Saal der Tufa, so als wollte er schon mal erkunden, was Frauchen dort erwartet: ergraute Männer, Frauen, die in den 1980er Jahren die Mädelshymne „Freundin“ grölten. Mit 65 Besuchern ist das Konzert in Trier in Zeiten von Corona ausverkauft, zwischen den Gästen ist viel Platz. Noch.

Punkt 20 Uhr taucht Anne Haigis mit ihrer Gitarre auf – solo. Kleine Seitenhiebe auf ihren Pianisten, der an diesem Tag lieber Kindergeburtstag feiert als mit ihr Musik zu machen, kann sie sich nicht verkneifen. Junge Väter schienen heute andere zu sein, sagt die Künstlerin, die in den 1980er Jahren ihre Karriere startete. Die Schwäbin, die mit 16 von zu Hause abgehauen war, um Rocksängerin zu werden, ist weltweit rumgekommen und in der Tufa ganz die Altbekannte – authentisch, gewaltig, gefühlvoll.  Melissa Etherigde, Eric Burdon, Tony Carey, Edo Zanki, Wolf Maahn, um nur einige zu nennen, zählen zu ihren Weggefährten. So wie damals während eines Konzerts in Hermeskeil, an das sich einige Besucher erinnern, berührt und streichelt sie mit ihrer souligen Stimme die Seele. „Carry on“ (übersetzt: Mach weiter) heißt ihre aktuelle Tour und es scheint ihr Lebensmotto zu sein.

Ins Programm gepackt hat sie Lieder, die sie eigentlich nicht mehr spielen wollte (beispielsweise „Um dich doch zu bewahr’n“), die sie immer spielen muss („Kind der Sterne“) und ihren Lieblingssong. Für ein paar Minuten ist es andächtig im großen Saal, die 64-Jährige singt mit voluminöser Bluesstimme, die nie aufdringlich ist, „Waltzing Matilda“, ein australisches Volkslied, zu dem Tom Waits einen Text geschrieben hatte. Längst ist der Abstand zwischen den Besuchern gefühlt verschwunden, Haigis Musik und Plaudereien aus rund vier Jahrzehnten verbinden.  „Ich musste in die ZDF-Hitparade, was eine große Schmach für eine Rockerin war“, erzählt sie rund um ihren ersten Hit „Freundin“, und dass sie klassisch in einer Kneipe von Jazzpianist Wolfgang Dauner, der kürzlich verstorben ist, entdeckt worden war. „Um dich doch zu bewahr’n“ erzählt die Geschichte der beiden. „Carry on“, hatte Franz Benton als Duett mit und für Anne Haigis geschrieben, es ist mit einer weiteren Liebesgeschichte verwoben, die musikalisch unerfüllt blieb.

Mit dem Publikum studierte die gefühlvolle Rocklady, die „alle Größen des Jazz getroffen“ hat, den Refrain ein. „Ihr seid super. Das tut gut“, lobt sie den spontane Chor und kündigt ein 16. Album an. Auch sozialkritische Lieder gehören zu ihrem Repertoire: Etwa Tony Careys „No mans land“, ein Lied über Flüchtlinge und „Emily im Park“. Es handelt von einer Migrantin, die ihr Geld als Rosenverkäufen verdient und täglich tut, was in ihrem Herkunftsland verboten ist: Sie setzt sich auf eine Parkbank.

Anne Haigis beschert den Zuhörern in der Tufa einen fantastischen Abend. Foto: TV/Katja Bernardy

Nach neunzig Minuten, so lange wie ein Fußballspiel dauert, endet die Zeitreise im innigen Format mit der Rockröhre. Die Zuhörer applaudieren stehend. Hund Yella hat das Konzert verdöst. Ganz entspannt, so wie die Zuschauer, verlässt auch er den großen Saal der Tufa. Der Abend mit Anne Haigis hat gezeigt, dass echte Talente bleiben und wie wichtig Musik ist. Gestreamt ist in der Not gut, aber live ist um vieles besser.