| 19:20 Uhr

Aufgeschlagen – Neue Bücher: Juli Zeh „Leere Herzen“
Anschlag auf Bestellung

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand-Verlag, 347 Seiten, 20 Euro
Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand-Verlag, 347 Seiten, 20 Euro FOTO: Luchterhand
Nach Juli Zehs grandioser Provinzposse „Unterleuten“ war die Erwartungshaltung an ihren neuen Roman hoch. In „Leere Herzen“ wagt die Autorin einen Blick in die nahe Zukunft.
Stefanie Glandien

Wir befinden uns im Jahr 2025. Kanzlerin Merkel ist nicht mehr an der Macht. Zwischen Europa und den USA tobt ein Wirtschaftskrieg und die Menschen in Deutschland wählen, wenn sie überhaupt noch an die Urne schreiten, die Besorgte-Bürger-Bewegung.

Mittendrin lebt Britta mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak hat sie eine Heilpraxis – „Die Brücke“ – gegründet. Doch der Name trügt. Statt zu heilen suchen sie im Internet mittels eines Algorithmus Menschen mit Selbstmordgedanken. Die Kandidaten werden mit harten Prüfungen – wie water boarding – mit ihrem Todeswunsch konfrontiert. Viele werden so von ihrem suizidalen Gedanken „geheilt“. Die wenigen, die übrig bleiben, vermittelt die Brücke an Organisationen, die diese für eines ihrer Ziele einsetzen. Ein lukratives Geschäft.

Profitieren tun beide Seiten: Die Organisationen können ein perfekt vorbereitetes Selbstmord­attentat sauber über die Bühne bringen und die Kandidaten, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen, empfinden Genugtuung für ein von ihnen ausgewähltes Ziel zu sterben.

Zitat: „Sofern Attentäter vermittelt werden, ist die Brücke auf einen strengen Kodex verpflichtet – begrenzte Opferzahlen, sorgfältige Vermeidung von Eskalation, keine Kollateralschäden.“

Brittas Mann ahnt nicht, was seine Frau in ihrer Praxis treibt. Während er mehr oder weniger erfolglos seine eigene kleine Firma führt, verdient Britta den Lebensunterhalt für die Familie. Doch der Preis, den sie für ihren Wohlstand zahlt, ist hoch. Ihre Tochter sieht sie immer weniger. Sie findet keinen Schlaf mehr und auch ihre Bauchschmerzen werden jeden Tag stärker.

Als plötzlich ein Konkurrent auftaucht, der sich über ihren Mann an ihr Unternehmen ranmachen will, eskaliert die Situation. Doch Britta und Babak haben noch einen Trumpf im Ärmel. Ihre drei besten Selbstmordkandidaten warten noch auf einen geeigneten Auftrag.

Die Geschichte, die Juli Zeh ihren Lesern auftischt, ist packend geschrieben, doch zugleich ziemlich düster und zynisch. Sympathie für ihre Protagonisten empfindet man nicht. Britta ist genauso blutleer wie ihre Kunden und scheint auch nur noch wenig vom Leben zu erwarten. Juli Zeh schont ihre Leser nicht. Leider übertreibt sie es ein wenig mit der Schwarzmalerei.

Stefanie Glandien

Juli Zeh, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag, 352 Seiten, 20 Euro.