Ansichten eines englischen Gastarbeiters

Ansichten eines englischen Gastarbeiters

Prominenter Besuch im Kleinen Landcafe in Kerpen: Chris Howland hat dort aus seinen Memoiren "Yes Sir!" gelesen, die sein turbulentes Leben als Schauspieler, Sänger und Schallplatten-Jockey beschreiben.

Kerpen. Das Kleine Landcafe ist am Mittwochabend mit etwa 60 Besuchern zum Bersten gefüllt. Die Nachfrage war groß, so groß, dass Chris Howland gestern noch einmal in Kerpen gelesen hat. Obendrein ist ein Kamerateam des Westdeutschen Rundfunks (WDR) angereist, um den Abend mitzuschneiden. Chris Howland feiert am 30. Juli seinen 85. Geburtstag und der WDR, mit kleinen Unterbrechungen bis heute Howlands Heimatsender, lässt es sich nicht nehmen, mit einem Porträt zu gratulieren.

An dem quirligen, im Deutschland der 50er, 60er und 70er Jahre überaus populären Engländer ist die Zeit zwar nicht spurlos vorbeigegangen, doch das ist schlagartig vergessen, wenn er die ersten Worte sagt: Die Stimme mit dem markanten englischen Einschlag hat Millionen Radiohörer auf beiden Seiten des Ärmelkanals durchs Leben begleitet.

Jede Bewegung und jedes Lächeln sind allen vertraut, die Chris Howlands Auftritte in 30 Spielfilmen wie Winnetou oder den Edgar-Wallace-Klassikern gesehen haben. "Dass ich Ihnen aus meinem Buch vorlese, ist für Sie kein Glücksfall - aber Sie müssen es ja nur heute ertragen", entschuldigt Howland seinen englischen Akzent und erntet dafür die ersten Lacher.

Aber eine Lesung im klassischen Sinne wird es nicht: Nach nahezu jedem vorgelesenen Satz aus seiner Autobiografie mit dem Untertitel "Aus dem Blickwinkel eines englischen Gastarbeiters", schweift Howland ab, erklärt, fügt Anekdoten hinzu und muss oft selbst lachen, wenn er an einem deutschen Wort scheitert: "Das Buch stottert nicht, wollte ich Ihnen sagen."

Die Lesung gerät im Laufe des Abends immer mehr zur charmanten Plauderstunde, in der Howland ein präzises Bild des Deutschlands der Nachkriegsjahre, seiner Kultur und seinen Menschen zeichnet. "1948 kam ich nach Hamburg", erzählt der 84-Jährige. "Das, was ich an Zerstörung sah, konnte nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima nicht schlimmer sein." Dennoch spürte er keinen Hass der Deutschen auf die Alliierten. "Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätten mich die Menschen hier abgelehnt", sagt Chris Howland. Das haben sie nachweislich nicht getan: Howland kann auf eine mehr als 60-jährige Karriere als Radio- und Fernsehmoderator, Schlagersänger und Schauspieler zurückblicken.

Das Porträt, das auch Ausschnitte aus der Lesung im Kleinen Landcafe in Kerpen zeigt, strahlt der WDR am Sonntag, 28. Juli, aus.