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Appell an Sinne, Gefühle, Verstand

Appell an Sinne, Gefühle, Verstand

Mit "An die Nachgeborenen" hat das Kulturlabor in der Tufa Trier eine außergewöhnliche Bühnenproduktion für Schüler der Oberstufe und Erwachsene vorgestellt. Gedichte emigrierter, aber auch regimetreuer Lyriker, Reden Hitlers oder Tagebuchaufzeichnungen Goebbels formen sich mit Schauspiel, Tanz und Computerkunst zu einer Collage, die ein dichtes, sinnlich erfassbares Bild der Nazizeit zeichnet.

Trier. Das auf professionelles Kinder- und Jugendtheater ausgerichtete Ensemble Kulturlabor um Alexander Ourth und Elke Reiter hat mit seiner neuen Produktion "An die Nachgeborenen" Neuland beschritten. Erstmals hat es Lyrik für die Bühne aufgearbeitet, sich für solche aus der düstersten Zeit der deutschen Geschichte entschieden und das Wagnis riskiert, sie in experimentelle Form zu kleiden.
Uhren mit deutschem Liedgut


Herausgekommen ist ein Theatererlebnis von großer assoziativer Kraft, das von der ersten Minute an Sinne, Gefühle und Verstand packt. Zum Auftakt rezitieren die in schlichtes Schwarz-Weiß gehüllten Darsteller Elke Reiter, Sebastian Gasper und Hannah Ma eine Radiowerbung für Kienzle-Uhren aus dem Jahr 1933, die demonstriert, wie weit damals schon die Naziideologie in den Alltag vorgedrungen war. Die Firma wirbt, ihre Uhren schlügen mit deutschen Volksliedern statt mit "artfremdem Bimbam".
Schon während dieser Szene entwickeln sich gespenstische Bilder. Da leuchten aus Dunkelheit nur drei weiße Koffer - Sinnbild für Emigration, aber auch KZ-Transporte -, auf deren mittleren Hitlers Konterfei projiziert ist. Dann flirrt eine Videoprojektion mit schwarz-weißen Teilchen, vielleicht Asche, über den Bühnenhintergrund. Zeitgleich erklingt ein nervenzerfetzendes, oszillierendes Computergeräusch, das sich zu einem bedrohlichen, fast unerträglichen Grollen steigert. Dazu windet sich, nachdem die Akteure im Chor Franz Werfels Gedicht "Der größte Deutsche aller Zeiten", herausgebrüllt haben, Hannah Ma in einem verzweifelten Tanz. Mit schützend über den Kopf gehobenen Händen verdeutlicht sie die Vorahnung auf Krieg und Verderben. Eine Prügelszene wenig später stellt das Ausmaß der bereits vorherrschenden Gewalt dar.
50 Minuten lang verwebt das von Alexander Ourth konzipierte Stück auf diese Weise Wort, Bild, Ton, Schauspiel und Tanz, und das ist vollauf genug.
Mehr braucht es nicht, um die gesamte Entwicklung über die Stationen Machtergreifung, SA-Putsch, Krieg und Holocaust zu verdichten. Texte von Bert Brecht, Theodor Plivier, Rose Ausländer, Nelly Sachs oder Paul Celan formen im gelungenen Kontrast mit demagogischen oder propagandistischen Äußerungen Hitlers, Goebbels und anderer Zeitgenossen den roten Faden. Meist werden sie im Chor vorgetragen, um den Nationalsozialismus als Massenphänomen zu verdeutlichen.
Aufruf an die Nachgeborenen


Die bis ins Detail professionelle Inszenierung spricht alle Sinne an, fordert emotionales Miterleben und weckt Assoziationen. Das macht diese Zeit und ihre Mechanismen intensiver begreifbar, als es reine Lektüre von Dokumenten, nüchterne Aufarbeitung oder klassische Lyrik-Rezitation vollbringen können. Am Schluss unterstreicht Bert Brechts "Aufruf an die Nachgeborenen" die Intention der Macher, mit diesem Stück junge Menschen von heute anzusprechen. Erste Schulaufführungen haben laut Regisseur Alexander Ourth bereits ein ebenso begeistertes Echo gefunden, wie die öffentliche Premiere in der Tufa.
Am 8., 10. und 13. Oktober jeweils um 9.30 und 11 Uhr im kleinen Saal der Tufa gibt es weitere, vor allem für Schulklassen (ab Stufe 10) gedachte Aufführungen mit anschließender Gesprächsmöglichkeit. Lehrer können die Texte zur Unterrichtsvorbereitung anfordern.

Kontakt und Anmeldung unter elke.reiter@kulturlabor-trier.de oder Telefon 0651/6504484.