Ausstellung: Arbeitswelt und Verlust der Würde

Ausstellung : Arbeitswelt und Verlust der Würde

Im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag von Karl Marx setzt sich das Museum am Dom in einer eindrücklichen Schau mit dem Thema Arbeit auseinander.

. Wie aktuell ist Karl Marx, und wie soll man sich dem Vater des Kapitals und seinem Werk heute nähern? Alles Fragen, die seit Monaten Veranstalter und Besucher der großen Trierer Landesausstellung zum Karl-Marx-Jubiläum beschäftigen. Die Antworten sind vielfältig. Mit seiner Ausstellung „LebensWert Arbeit“ leistet das Museum am Dom als Kooperationspartner der Landesausstellung einen aktuellen frischen Beitrag zu einem zentralen Thema im Werk des Kapitalismuskritikers.

Künstlerisch überformt wird dort die Frage nach der Bedeutung der Arbeit als Grundlage einer lebenswerten Existenz zum ästhetischen Ereignis. Als Kunstausstellung hinterfragt die Schau aus Fotografien, Malerei, Videos und Installationen, wie Arbeit wirkt, was sie bedeutet, wie sie sich in einer globalisierten, digitalisierten Welt darstellt und wie sie selbst, geprägt durch die Verhältnisse ihrer Zeit, die Welt verändert. Die ausgesprochen gelungene Schau bezieht sich nicht unmittelbar auf die Marx`schen Theorien. Stattdessen legt sie die Soziallehre von Oswald von Nell-Breuning zugrunde, dem Nestor der katholischen Sozialethik. Der hatte allerdings festgestellt: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx“. Es sind ausgesprochen eindringliche Bildbeispiele, die in dieser qualitätvollen Schau das Thema Arbeit reflektieren.

Dabei profitierte die Ausstellung vom Privileg der Kunst, die anders als die historischen Ausstellungen in der Lage ist, im Bild die dargestellten Ereignisse und Szenerien aus ihren alltäglichen Verhältnissen zu lösen und aus der Welt zu nehmen, ohne weltfern zu sein. Dabei schafft sie dem Betrachter genau jenen freien Denk-und Vorstellungsraum, der nicht nur für die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit, sondern auch für die mit Karl Marx unverzichtbar ist.

Die hier gezeigten rund zwei Dutzend internationalen Positionen veranschaulichen und reflektieren in eindrücklichen Arbeiten wesentliche Erscheinungsformen wie Verwerfungen der modernen globalen Arbeitswelt. Zudem thematisieren sie die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine. Die hatte bereits Rainer Marias Rilke seinerzeit geradezu visionär beantwortet. „Alles Erworbene bedroht die Maschine, solange sie sich erdreistet, im Geist und nicht im Gehorchen zu sein“, schrieb der Dichter. Vor dem Einsatz von Maschinen anstelle menschlicher Wärme und Zugewandtheit, warnen auch Karen Kasmauskis Fotos von eingesetzten Pflegerobotern und die Arbeiten von Darius Ramazani. Ein Liebesleben nach Menschenart führen die Roboter der Medienstation. Ein seelenloses maschinengesteuertes Ungeheuer ist Hervé Lesieurs „Minotaurus“. Zum quasi gesichtslosen Zubehör des Produktionsvorgangs wird der Arbeitende in Andreas Gurskys Produktionshalle von Siemens. Dass der Mensch im Mittelpunkt allen Handelns auch des wirtschaftlichen stehen müsse, hat Oswald von Nell Breuning immer wieder gefordert. Keineswegs dürfe er zum Zweck von Gewinnmaximierung und Profit in Dienst genommen werden“, forderte der Kapitalismuskritiker.

Eine ebenso stimmungsvolle wie erhellende Video-Rauminstallation des Künstlerduos Laas Koehler und Paul Schumacher führt ins Arbeitszimmer des aus Trier stammenden Gelehrten und seine geistige wie spirituelle Welt. Was Kai Löffelbeins Fotos vom Elektromüll Export und Hermann Stamms Dschungelbilder eindrücklich belegen, hatte auch Nell-Breuning längst erkannt. Wirtschaftswachstum und Wohlstand entstehen vielfach auf Kosten anderer. Einer der prominentesten der hier vertretenen Künstler ist William Kentridge. Der gebürtige Südafrikaner und künstlerische Existenzialist nimmt sich der Frage aller Fragen an. „Wie geben wir dieser Welt Sinn“, heißt sein unbedingt sehenswertes Video. Mit dem Thema Arbeit als Sinngebung und der richtigen Balance zwischen Arbeit und Entspannung hat sich im Labor auch eine Gruppe Studierender der Hochschule Ottersberg unter der Leitung ihrer Professoren Cony Theis und Jochen Stenschke beschäftigt. Ihre bildmächtige lebendige Handschuh-Installation steht im Gegensatz zu ihrem „Raum der Stille“. Beiträge zur Ausstellung haben zudem Studierende der Hochschule Trier und Stipendiaten des rheinland-pfälzischen Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems erstellt.

Ergänzt wird die Schau von einem Kubus zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit. Es ist nicht unbedingt eine schöne Neue Arbeits-und Lebenswelt, die hier als moderne hochtechnisierte Leistungsgesellschaft präsentiert wird. In ihr hat – wie Stamms großformatigen Porträtfotos demonstrieren – die Zukunft den Menschen vielfach längst überholt. Dafür bietet diese unbedingt sehenswerte Bilderwelt eine Fülle von Denkanstößen, künstlerisch eindrucksvoll formuliert.

„Mein Beruf ist es, Menschen zu pflegen“ ist eine Fotoarbeit von Darius Ramazani aus einer Kampagne der Diakonie „In der Nächsten Nähe“. Foto: TV/Eva-Maria Reuther

Bis 21. Oktober, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Telefon 0651/7105-255. Im Internet www.bistum-trier.de/museum

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