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Architekt Gottfried Böhm, Neugestalter des Trierer Doms, ist gerade 100 Jahre alt geworden

Interview : 100. Geburtstag von Architekt Gottfried Böhm, Neugestalter des Trierer Doms

Gottfried Böhm will mit seinen Bauten nicht als brutalistisch gelten: Der Erbauer Dutzender Kirchen und Neugestalter des Trierer Doms ist gerade 100 Jahre alt geworden – und spricht sich für eine Päpstin aus.

(KNA/aheu) Architekt Gottfried Böhm hat Dutzende Kirchen und andere Gebäude aus Beton, Stahl und Glas gebaut und ist vielfach international ausgezeichnet worden. Anfang der 1970er Jahre war er es, der gemeinsam mit Nikolaus Rosiny den Trierer Dom restaurierte. Für die Deutsche Bank in Luxemburg entwarf er das Verwaltungsgebäude.

Auslöser für die Bauarbeiten am Trierer Dom von 1965 bis 1974/75 waren kriegsbedingte Schäden, die die Statik des Doms stark beeinträchtigten. Die antiken Holzpfähle unter dem Gebäude waren geschrumpft und trugen die Fundamente nicht mehr. „Der Dom ist auseinandergebrochen“, erklärt Markus Groß-Morgen, Direktor des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums dem TV. Bevor Böhm und Rosiny den Architektenwettbewerb gewannen, debattierte man in Trier über einschneidende Änderungen, zum Beispiel über die Idee, alle barocken Einbauten zu entfernen und dem Dom sein mittelalterliches Aussehen zurückzugeben. „Böhm hat das alles nicht getan“, sagt Groß-Morgen, „er hat den Bestand des Doms am besten respektiert.“

Mit dem Ziel, den Bau möglichst unauffällig zu sichern, wurden zur Stabilisierung der teilweise noch antiken Mauern massenweise mit hohen Druck Betonschlämme eingebracht – ein Verfahren, das heutige Denkmalpfleger inzwischen kritischer sehen, weil Gebäudesubstanz unwiederbringlich verloren ging. Auch Gräber wurden so für alle Zeiten in Beton eingegossen. Zudem wurde der Innenverputz komplett abgeschlagen, sodass seitdem fast überall die Steine sichtbar sind. Man erzählt sich bis heute, wie Architekt Böhm damals selbst im Dom Schlämme angerührt und sie testweise mit einem Tuch auf den Oberflächen verteilt habe, weiß Groß-Morgen.

Der wohl markanteste Punkt der damaligen Architektenpläne ist aber nicht realisiert worden (siehe Modell unten). Dom und Liebfrauenkirche sollten zunächst einen gemeinsamen Zwischenbereich mit Sakramentskapelle bekommen, Altäre wären aus beiden Kirchen dorthin verlagert worden. Dazu hätte man Paradies und Sakristei abreißen müssen. Dies scheiterte am heftigen Widerstand unter anderem der Pfarrei Liebfrauen.

Mit der Wiederöffnung des Doms am 1. Mai 1974 hatte das Gotteshaus dann in Anlehnung an den antiken Quadratbau auch eine Altarinsel in der Mitte bekommen – eine Neuerung, an der auch Gottfried Böhm mitgewirkt hatte.

Im Interview zu seinem 100. Geburtstag in dieser Woche berichtet der 1920 in Offenbach am Main geborene Gottfried Böhm darüber, wie es ihm im Alter geht und was er über seine Kritiker denkt.

Herr Böhm, Sie werden 100 Jahre alt. Wie fühlen Sie sich?

GOTTFRIED BÖHM Sehr, sehr alt. Wie ich mich bewege und wie ich wackele. Ich kann mir noch nicht mal mehr einen Kaffee kochen. Aber ich habe eine liebe Pflegerin, die mir hilft.

Freuen Sie sich am Leben trotz der Beschwernisse?

BÖHM Es macht mir schon noch ein bisschen Spaß. Wenn ich so von Ihnen gefragt werde und man sich für mich interessiert – das finde ich schon nett. Aber leider wird alles so schwierig, auch das Denken. Manchmal brauche ich eine Ewigkeit, bis mir ein Name einfällt.

Als zentrales Werk von Ihnen gilt der Mariendom in Neviges. Manche fremdeln mit dem wuchtigen Betonbau und sprechen von einer brutalistischen Architektur. Wie denken Sie darüber?

BÖHM Ich lese gerade das Buch „Sakralbauten der Architektenfamilie Böhm“. Da ist auch von dem Brutalismus die Rede. Das beschäftigt mich im Moment leider ziemlich stark. Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten, einer der brutalistisch baut. Nur weil ich Beton verwende? Sind Kirchen in Granit dann auch brutalistisch? Mir geht es um Wärme. Das möchte ich haben: Dass meine Bauten innendrin und auch außen Wärme ausstrahlen.

Ihr Vater war Architekt, Ihre verstorbene Frau war Architektin, drei Söhne sind Architekten. Wie kriegt man da Familie und Beruf harmonisch zusammen?

BÖHM Das ist mitunter sehr lebendig und spannend. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Aber die Unterschiede sind nicht so gewaltig, dass wir da nicht wieder zusammenkommen. Oft ist ja auch was dran an dem, was sich der andere gedacht hat. Manchmal wundere ich mich, dass das Gespräch so gut läuft.

Sie haben viel mit Beton gearbeitet. Was ist der Baustoff der Zukunft?

BÖHM Ich glaube, das ist auch Beton. Betonartige Gebäude gab es übrigens schon in frühchristlicher Zeit. Jetzt wird ja auch viel Holz verwendet. Das ist auch ein schönes Material. Mir kam es aber früher immer ein bisschen altmodisch vor. Auch ist Holz ziemlich feuergefährlich und droht, relativ schnell zu verderben. In München habe ich ein Haus aus Holz gebaut, das nach 50 Jahren abgerissen wurde.

Sie haben besonders in der Nachkriegszeit sehr viele Kirchen gebaut ...

BÖHM ... das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe ja noch erlebt, dass Kirchen immer zu klein waren und die Gemeinden mehr Platz haben wollten. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten komplett verändert. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe, sehe ich dort meistens nur ältere Leute.

Nicht mehr benötigte Kirchen werden anders genutzt oder abgerissen. Ist das hart für Sie?

BÖHM Ein Abriss schon. Aber von meinen Kirchen ist noch keine abgerissen worden. Sankt Ursula in Hürth-Kalscheuren wird ja als Galerie für moderne Kunst genutzt. Damit kann ich leben.

Können Sie der Kirche einen Tipp geben, wie sie wieder mehr junge Menschen anziehen kann?

Trierer Dom und Liebfrauenkirche. Foto: Medienhaus Trierischer Volksfreund/Roland Morgen

BÖHM Das ist schwierig. Vielleicht muss sie ihre Sprache ändern und sich der Zeit mehr anpassen. Eine Frau als Priester oder eine Päpstin - das muss kommen.

(kna)