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Kultur
Atemberaubender Klangdeuter voll seelischer Energie

Arcadi Volodos in Machern beim Mosel Musikfestival.
Arcadi Volodos in Machern beim Mosel Musikfestival. FOTO: TV / Eva-Maria Reuther
Bernkastel-Wehlen. Ein großartiger Schlussakkord noch vor dem offiziellen: Im Kloster Machern war der Starpianist Arcadi Volodos beim Mosel Musikfestival zu Gast. Von Eva-Maria Reuther

Authentisch – das Wort passt wunderbar auf ihn. Wer Arcadi Volodos Spiel zuhört, begegnet nicht nur dem Komponisten und seinem Werk, sondern ganz entschieden auch dem Interpreten und seiner Persönlichkeit.

Im Rahmen des Mosel Musikfestivals war der russische Starpianist im Barocksaal von Kloster Machern zu Gast. Es ist der typische Volodos-Ton der auch an diesem Abend unmittelbar Vertrautheit schafft.

Der 1972 in St. Petersburg geborenen Russe wird zu den Weltbesten seines Fachs gezählt. Als neuer Horowitz wird er von den einen gefeiert, als Schwarzenegger des Klaviers bezeichnen gelegentlich andere sein zuweilen athletisches Spiel. Tatsächlich prägt eine ungeheure Energie das Spiel des Pianisten. Ein Schauturner am Klavier ist er dennoch nicht. Sein kraftvolles Musizieren kommt ganz von innen aus der Seele und dringt tief in die Musik. Die große Show ist Volodos Sache weiß Gott nicht. Das wird gleich eingangs klar, wenn er freundlich aber verschlossen dort oben auf der Bühne steht, mit seiner in schwarzes Tuch gewandeten gedrungenen Statur und seinem gemütvollen Gesicht. Auch später, wenn er am Flügel sitzt, bleibt seine Körpersprache sparsam. Bisweilen lehnt er den Kopf zurück, als ob er in ferne Räume hörte. Mehr Dramatik ist nicht.

Umso beredter ist sein Spiel. Als „Geschichtenerzähler“ wird der Pianist im Programm angekündigt“. Viel musikalisch zu erzählen hat Volodos in Machern tatsächlich, von den Temperamenten und Stimmungen der Musik, von ihren Seelenlagen und von einem kaum gekannten wunderbaren Farbenreichtum des Klangs. Ein intelligentes in sich schlüssiges Programm hat der Pianist mitgebracht. Mit Franz Schuberts früher unvollendeter Klaviersonate in E-Dur D 157 beginnt der Abend. Als einen ewig suchenden, zwischen Tod und Leben kreisenden Wanderer hat Theodor Adorno den Wiener Romantiker und sein Werk beschrieben. Seine Musik galt dem Frankfurter Philosophen Sinnbild des modernen Menschen. Vom kreisen und suchen erzählt auch Volodos Spiel, wenn er die Sätze gleichsam atemlos hintereinanderspielt. Aber er verliert sich nicht darin. Dem scheinbar ausweglosen Wandern setzt er Entschiedenheit entgegen.

Energisch auftrumpfend eröffnet er den ersten Satz und treibt mit eigenwilligen Tempi die Musik voran. Ein fantastischer geistreicher Erzähler ist Volodos in Schuberts berühmten „6 Moments musicaux“ op. 94 D 780. Jeder von ihnen ist eine fein gezeichnete Miniatur. Gleich im „Moderato in C-Dur macht Volodos die Ohren sehen. Eine seltsame Szenerie, ein Spuk aus Widerhall, Trippeln und Trippeln entwickelt sich aus der Musik. Wunderbar singend und nachdenklich folgt das Andantino. Und da ist er wieder, der widerständige Volodos-Ton, der sich nicht der Resignation überlässt und in der Wehmut das Licht erahnen macht.

Was für ein großartiger Ausdeuter des Klangs der Pianist ist, wird einmal mehr in den „Préludes“ von Sergei Rachmaninov erfahrbar darunter die berühmte Op.32 in h-Moll. Dass Volodos ein technisch brillanter Pianist ist, dessen Hände spannende Dialoge führen, der seine Triller funkeln und seine Läufe perlen lässt und dessen Akkorde Naturgewalten gleichen, ist fast selbstverständlich. Atemberaubend ist – das das zeigt einmal mehr der Rachmaninow Interpret – sein Gefühl für Klang.

Impressionistische Klarheit und  vielschichtigen Stimmungsreichtum legt Volodos in der Musik frei. Musikalischer Feinsinn in Hochform ist schließlich Alexander Scriabins „Poème Op.71 Nr.2. Und da ist er wieder ganz nah an Schuberts Kreisen und Suchen, nur in einer ganz anderen gleichsam vergeistigten Klangsprache. Mit großzügigen Zugaben bedankt sich der Pianist bei seinen jubelnden 180 Zuhörern.