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Atemlos von Epoche zu Epoche

Atemlos von Epoche zu Epoche

Deutschland gilt nicht unbedingt als Land, dessen Bewohnern das Tanzen angeboren ist. Und trotzdem kann man vieles über dieses Land in Form des Tanzens erzählen. Das beweist die Trierer Tanztheater-Produktion von Lars Scheibner, die Samstag uraufgeführt wurde.

Trier. Es kann einem am Anfang schon etwas bange werden um diesen Abend. Der getanzte und gesungene Rückblick auf die Geschichte der Republik beginnt schon vor dem zweiten Weltkrieg, und er beginnt mit platten Klischees. Zarah Leander, Lili Marleen, Hans Albers, dazu zerstören finstere Nazis im Stechschritt die Swing-Seligkeit, dann kommt der Krieg mit reichlich Rumms und Bumms und natürlich lodernden Flammen, worauf marodierende Soldaten unter französischer Fahne (!) zur Gruppenvergewaltigung schreiten.

Aber zum Glück verschwindet der Holzhammer, sobald es richtig losgeht. Da kommen Witz und Pfiff auf, wenn die reschen Damen in den 50er Jahren zu den "Capri-Fischern" mit dem Staubsauger tanzen oder "zwei kleine Italiener" vergeblich versuchen, mit Herbert Zimmermanns WM-Live-Übertragung aus dem Berner Wankdorf-Stadion zu konkurrieren.

Aber Choreograph Lars Scheibner setzt auch Widerhaken: Beim Einbruch des Rock'n Rolls in die deutsche Idylle verwandelt sich die Lederjacke schon mal in eine Zwangsjacke. Und Heintjes witzig ins Bild gesetztes "Mama" hat bei genauerem Hinsehen fast inzestuöse Untertöne. So langsam kristallisiert sich Scheibners Idee heraus: "Deutschland tanzt" begleitet ein Paar (die ausdrucksstarken Juliane Hlawati und David Scherzer) durch Zeit und Raum. Sie finden, verlieren, suchen, verkrachen, lieben, trennen sich und finden sich wieder. Nicht aufdringlich, oft eher zufällig. Sie durchleben die Flower-Power-Zeit, Drogen- und Sektenphasen, gesellschaftliches Aufbegehren bis hin zum Terrorismus, Aerobic-Boom und Disco-Welle, die deutsch-deutsche Teilung, die Spaß-Gesellschaft. Da darf Ausstatterin Alexandra Bentele nach allen Regeln der Kunst den Kostüm-Fundus plündern - schon das allein würde den Abend lohnen.

Der Zorn der Revolte und die Zwanghaftigkeit des Spaßes



Das klingt nach Fun-Revue, kommt aber umgekehrt über die Bühne: Das Tempo wird immer höher, die Bilder werden immer dichter, nachdenklicher. Die zunächst verspielte Bewegungs-Choreographie arbeitet den Zorn der Revolte, die Zwanghaftigkeit des Spaßhabens immer präziser heraus. Westernhagens "Freiheit" wird zur Hymne der Wiedervereinigung, aber auch zum Abgesang auf die verpassten Chancen. "Feuer frei" von Rammstein illustriert - ein wirklich genialer Einfall - die Börsen-Gier.

Die zweite Konstante ist Michael Kiessling, dessen raue Stimmbänder Erstaunliches aus manchem Schlagerchen herausholen. Etwas verloren stapft er durch die Szenerie, ein zeitloser Beobachter. Musikalisch legen Kiessling und seine souveräne Band (Daniel Bukowski, Dominik Nieß, Marc Barbian, Marcel Merz) so richtig los, wenn es rockiger wird: Mit einer phänomenalen Version von Bowies "Helden" oder dem fulminanten "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von "Ton, Steine, Scherben".

Das Trierer Tanz-Ensemble (Cécile Rouverot, Noala de Aquino, Reveriano Camil, René Klötzer, Hannah Ma, Corinna Siewert, Susanne Wessel, Denis Burda, Erin Kavanagh) trägt den Abend mit einer starken Mannschaftsleistung. In atemlosen Tempo saust man von Epoche zu Epoche, um am Ende mit Grönemeyers "Mensch" das Fazit zu ziehen, dass menschliche Beziehungen das einzige sind, was die Zeit überdauert.

Ausgiebiger, herzlicher Beifall mit vielen jungen Zuschauern, die gerade das Tanztheater zunehmend anlockt.