1. Region
  2. Kultur

Auf dem Weg zum Klassiker? „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens

Aufgeschlagen – Neue Bücher: „Der Gesang der Flusskrebse“ : Leben in der Stille

North Carolina am Anfang der 1950er Jahre: Nachdem die Mutter ihren gewalttätigen und alkoholsüchtigen Ehemann verlassen hat und die Geschwister ebenfalls nach und nach aus dem schäbigen Leben in äußerster Armut verschwinden, bleibt die sechsjährige Kya allein mit dem unberechenbaren Vater zurück.

Aber auch er kommt eines Tages nicht mehr nach Hause. Fortan ist das „Marschmädchen“, wie sie von den überwiegend misstrauischen Dorfbewohnern genannt wird, auf sich allein gestellt, widersetzt sich allen Versuchen einer Vereinnahmung durch die Gesellschaft, von der sie sich ohnehin nicht willkommen geheißen fühlt.

North Carolina am Ende der 1960er Jahre: Im Marschland wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der nichts hat anbrennen lassen, wenn es um die Frauen in der Gegend ging. Auch mit Kya hatte er eine Affäre und ihr sogar die Ehe zugesagt. Aber dann bricht Chase sein Versprechen, heiratet eine andere und lässt das „Marschmädchen“ allein. Das Verlassenwerden wird auf diese Weise zum Leitmotiv ihres Lebens: Nach der Familie dreht ihr auch ihr Jugendfreund Tate, der sie Lesen und Schreiben gelehrt hat, den Rücken, lässt das Marschland hinter sich, um in der Großstadt zu studieren.

Dies sind die beiden Zeitstrahlen, die Delia Owens in „Der Gesang der Flusskrebse“ immer näher zueinander führt, bis sie am Ende zu einem werden: Da ist Kya des Mordes an Chase angeklagt, und die nachfolgende Gerichtsverhandlung wird zu einer der spannendsten Episoden des Romans, der eine ganze Reihe von Gattungen in sich vereint: Liebesromanze und Krimi, Coming-of-Age-Geschichte und Naturerzählung, Entwicklungsroman und die Story einer sehr ungewöhnlichen Sozialisation einer jungen Frau, deren Leben geradezu unglaubliche Volten schlägt. Auch nur eine davon hier zu verraten würde das Leservergnügen jedoch erheblich schmälern; deshalb sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Delia Owens ist eine großartige Figurenmalerin und Erzählerin der Stille und der Einsamkeit. Die 70-jährige Autorin weiß die Leser(innen) in ihren Bann zu ziehen, und ihre Meisterschaft fängt die deutsche Übersetzung nuancen- und stimmungsreich ein.

Die amerikanischen Kritiker jedenfalls übertrumpften einander mit Lobeshymnen und hoben die Hauptfigur, deren Geschichte allein in den USA innerhalb der ersten Monate nach Erscheinen des Romans mehr als drei Millionen Mal verkaufte wurde, in eine Reihe mit amerikanischen Helden wie Twains Huckleberry Finn oder Salingers Holden Caulfied („Der Fänger im Roggen“). Wer weiß – vielleicht gehört Kya in einigen Jahren tatsächlich dazu. Rainer Nolden

Delia Owens, „Der Gesang der Flusskrebse“, aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, hanserblau, 460 Seiten, 22 Euro.