Auf der selbstzerstörerischen Suche nach der Heimat – Ein Monolog im Trierer Kasino am Kornmarkt

Theater : Auf der selbstzerstörerischen Suche nach der Heimat – Ein Monolog im Trierer Kasino am Kornmarkt

Bei der Premiere des Stückes „Dreck“ von Robert Schneider im Kasino Trier glänzte Norman Stehr in der Hauptrolle. Das Publikum war gebannt.

Das Bühnenbild im Kasino ist karg: schwarze Vorhänge ringsum und ein unbequemer Holzhocker, auf dem man nicht lange sitzen möchte. Norman Stehr als der irakische Student Sad verbringt jedoch einen Großteil des Abends vor rund 80 Zuschauern auf eben diesem Hocker. Er erzählt von seinem Leben als illegaler Einwanderer in Deutschland, dessen Sprache, Literatur und Philosophie er so liebt. Jahrelang träumte er davon, in diesem Land leben zu dürfen.

Nun ist er da, aber sein Traum vom besseren Leben ist zerplatzt. Er hat seine alte Heimat verlassen und findet in Deutschland keine neue. Sad muss mit Anfeindungen und Vorurteilen gegen ihn leben. Nicht nur das: Die Demütigungen und der versteckte und offene Rassismus der Deutschen haben sogar dazu geführt, dass Sad resigniert das Klischee vom asozialen Ausländer übernimmt, die Beschimpfungen und menschenverachtenden Parolen uneingeschränkt weitergibt und auf zerstörerische Weise gegen sich selbst richtet.

Das Publikum im Kasino reagiert durchaus schockiert, wenn Stehr als Sad den Hass, der ihm entgegenschlägt, als berechtigt verteidigt und sogar rechtsradikale Parolen herausschreit. Die Betroffenheit wird auch dadurch verstärkt, dass Stehr im Halbdunkel des Kasinos mit Fotos seiner irakischen Familie von Tisch zu Tisch geht, sich zu den Zuschauern setzt, sie direkt anspricht, sich anfassen lässt und mit den Vorurteilen Ausländern gegenüber konfrontiert, die man vielleicht uneingestanden in sich trägt, aber nie laut äußern würde.

Angespannte Stille auch, wenn Stehr sich an einen einfachen Holztisch rechts neben der Bühne setzt, aus einem Krug Wasser über seine Hände in eine Schüssel gießt und versucht, die Hände und sein Gesicht zu säubern. Das gelingt ihm nicht, das Wasser macht ihn nur noch schmutziger. Der Dreck, mit dem Sad sich innerlich verunreinigt hat, lässt sich nicht abwaschen. Ein starkes Bild einer missglückten rituellen Reinigung.

Melanie Telles Inszenierung dieses nicht so bekannten, aber hochaktuellen Monologs von Robert Schneider – bekannt geworden mit seinem Debütroman „Schlafes Bruder“ – präsentiert einen eindrucksvollen Norman Stehr, der die Rolle des selbstdestruktiven Ausländers facettenreich und intensiv spielt: zurückhaltend, kontrolliert, mit eingefrorenem Lächeln, aber auch aufschreiend und provokant – ein zerrissener Mensch. Erst im begeisterten Schlussapplaus löst sich die Anspannung des Publikums.