Auf der Suche nach der Quadratur des Kreises - Gutachten über die Zukunft des Trierer Theaters

Auf der Suche nach der Quadratur des Kreises - Gutachten über die Zukunft des Trierer Theaters

Es wird langsam konkret in der Diskussion um die Zukunft des Trierer Theaters. Gutachter Professor Dieter Haselbach und Kulturdezernent Thomas Egger haben dem Kulturausschuss unterschiedliche Szenarien vorgelegt - von der optimierten Fortsetzung des Normalbetriebs bis zur Radikalumstellung auf ein reines Bespielhaus.

Den Rahmen hat Gutachter Haselbach in seinem Papier ausdrücklich abgesteckt: "Plausible betriebliche Szenarien" will er vorlegen, die den "politisch definierten Beitrag zur Haushaltskonsolidierung erbringen", aber auch "ein möglichst breites Angebot sicherstellen". Man könnte auch sagen: Gesucht ist die Quadratur des Kreises.

Was Haselbach auf keinen Fall für sinnvoll hält, sagt er gleich zu Beginn: Zum Beispiel ein weiteres Sparen innerhalb der Strukturen, etwa durch Runterfahren der Produktionen. Sein Urteil: Das höhlt den Betrieb bis zur Sinnlosigkeit aus. Oder mehr Aufführungsreihen "en bloc". Sein Befund: Geht unter den räumlichen Voraussetzungen in Trier nicht. Oder die Auflösung der kleinen Tanz-Sparte. Seine Einschätzung: Bringt kaum Einsparungen.

Die sind aber unvermeidlich bei der aktuellen Beschlusslage der Stadt. Ausgangspunkt ist der Haushaltsplan 2011 mit Ausgaben von 14, 3 Millionen Euro, von denen die Stadt etwa die Hälfte trägt. Eine Million, so die Vorgabe, soll das Theater davon einsparen - nur die Hälfte hat es geschafft. Dezernent Egger will aber den Betriebskostenzuschuss der Stadt auf dem Stand der Vorgabe einfrieren - so wie das Land Rheinland-Pfalz es bereits seit Jahren tut. Daraus ergeben sich fünf Szenarien samt Varianten.

1. Alles bleibt, wie es ist, wird aber optimiert

Das Drei-Sparten-Theater bleibt, der Personalstand auch, im Bereich Marketing wird sogar noch investiert, um mehr Einnahmen zu erzielen. Der Kartenverkauf wird gesteigert, Produktionen werden an andere Häuser verkauft. Ohne Frage die Wunschlösung der Theaterleute. Problem: Das Einsparpotenzial geht laut Gutachter kaum über die bisherigen Bemühungen hinaus. Die Stadt muss gegenüber dem aktuellen Status quo 400.000 Euro jährlich drauflegen, plus tarifliche Lohnerhöhungen (fast 100.000 Euro pro Prozent und Jahr).

2. Das Schauspiel-Ensemble wird durch Gastspiele ersetzt
Geboten werden künftig um die 20 Schauspiel-Gast-Produktionen mit durchschnittlich drei Vorstellungen. Das Studio wird für freie Theater-Aktivitäten genutzt. Theater-Pädagogik und die Möglichkeit von Ko- und Eigenproduktionen bleiben.
Es gibt aber kein Schauspiel-Ensemble mehr vor Ort. Insgesamt entfallen 36 Stellen, zum Einkauf von Gastspielen steht eine halbe Million Euro zur Verfügung.
Das Einsparpotenzial liegt unterm Strich bei 1,4 Millionen Euro - was es mittelfristig ermöglicht, Lohnerhöhungen zu finanzieren. Allerdings nur, wenn das Land seinen Anteil nicht weiter reduziert.

3. Musiktheater, Tanz und Orchester nur noch als Gastspielbetrieb
Nur das Schauspiel bleibt. Rund 146 Arbeitsplätze fallen weg, die Gesamtkosten des Theaters halbieren sich.
Für Gastspiele stehen 1,3 Millionen Euro zur Verfügung, was allerdings im Bereich des Musiktheaters zu einem erheblichen Rückgang des Angebots führen dürfte.
Die Auflösung des Orchesters wäre ein Prozess, der etliche Jahre dauert.

4. Das Schauspiel bleibt, das Orchester bleibt auch
Die Ensembles Tanz und Musiktheater werden durch Gastspiele ersetzt, das Orchester übernimmt verstärkt Konzert-Aufgaben und wird bei Gast-Produktionen als Klangkörper eingesetzt. Es steht auch weiterhin für Chöre und Musik-Institutionen der Region als Partner zur Verfügung. In diesem Fall entfallen 74 Arbeitsplätze, die Ersparnis liegt bei rund vier Millionen Euro. Wie bei allen Gastspiel-Lösungen sind aber Investitionen in die Bühnentechnik notwendig.

5. Radikallösung: Umwandlung in Bespieltheater
Alle Ensembles und das Orchester werden aufgelöst. Die Gesamtzahl der Vorstellungen schrumpft von 250 auf 140, wobei die Zahl der unterschiedlichen Produktionen steigt (im Schnitt gibt es jeweils nur drei Aufführungen pro Stück).
Statt 210 Mitarbeiter werden nur noch 38 gebraucht, statt 14 Millionen kostet der Theaterbetrieb nur 5,6 Millionen Euro pro Jahr. Allerdings geht auch die Zahl der Besuche von über 100.000 auf 66.000 zurück.Meinung


Stoff für eine intensive Debatte

Von Dieter Lintz

Es ist gut, dass beim Theater nicht mehr über Spekulationen, sondern über handfeste Vorschläge diskutiert wird - auch wenn manche davon ziemlich irreal erscheinen. Es wird sichtbar, welchen Preis man zahlt, wenn man das Theater weiter zusammenkürzt - aber auch, was es kostet, den Betrieb wie gewohnt aufrechtzuhalten. Allerdings darf man Analysen auch akribisch hinterfragen - das müsste das Theater leisten. Freilich müssen sich die Theater-Leute auch auf eine konstruktive Diskussion einlassen und aus ihrer "Hier stehe ich, ich kann nicht anders"-Haltung herauskommen. Wenn es, wie der Intendant beteuert, funktionsfähige Vorschläge gibt, gehören sie an die Öffentlichkeit.

Wer die harten Schnitte der Haselbach-Szenarien vermeiden will, muss eigene Ideen und Strukturvorschläge liefern, die zu den finanziellen Realitäten der Stadt passen. Die Stärke des vorliegenden Papiers liegt darin, dass es sich auf die harten betriebswirtschaftlichen Fakten beschränkt. Das ist aber gleichzeitig auch seine Schwäche. Visionen, Initiativen zur Verbesserung der Einnahmen, Kooperationslösungen, Änderungen der Rechtsform oder der Trägerstruktur: All das fehlt. Genug Stoff für eine intensive Debatte.

d. lintz@volksfreund.de
Die Diskussion im Kulturausschuss


Es dürfte selten so viel Andrang beim Kulturausschuss geherrscht haben: Weit über 100 Besucher verfolgten die Vorstellung der Szenarien im großen Rathausaal. Darunter viele Angehörige und Freunde des Theaters, die schon vor der Sitzung ihrem Protest Ausdruck verliehen hatten.

Die Ausschussmitglieder reagierten überwiegend verhalten auf die Vorschläge des Gutachters. "Wir sind alle kultur-affin, Sie glauben doch nicht, dass uns diese Debatte leicht fällt", sagte CDU-Sprecher Ulrich Dempfle. Wie sein SPD-Kollege Markus Nöhl sprach er von einer "Etappe in der Diskussion", deren Ergebnis offen sei. "Man sieht, dass es Alternativen gibt", sagte Nöhl. Auch Hermann Kleber von der FWG forderte, das Gutachten als Ausgangspunkt für "weitere, fantasievolle Ideen" zu nehmen.

Deutlich skeptischer reagierten Grüne und Linke. Grünen-Sprecher Gerd Dahm warnte davor, "die Künstler zu Wanderarbeitern zu degradieren", und heimste damit den Beifall des Publikums ein. Marc-Bernhard Gleißner von der Linksfraktion hielt dem Gutachten "Verschleierungstaktik" vor.

Zum Ende der Debatte brach Intendant Gerhard Weber eine Lanze für das traditionelle Theater, kündigte aber auch an, sein Haus sei "bereit, über notwendige Reformen der Struktur" zu reden. Entsprechende Vorschläge lägen vor. DiL