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Auf der Suche nach offenen Ohren

Auf der Suche nach offenen Ohren

Uraufführungen von Opern, die man direkt beim Komponisten in Auftrag gegeben hat, sind in der Region eher selten. Im Luxemburger Grand Théâtre wird am Donnerstag eine solche Produktion Premiere feiern. "Neige", auf Deutsch "Schnee", heißt das Werk der jungen Luxemburgerin Catherine Kontz. Und die ist mindestens so ungewöhnlich wie ihre Arbeit.

Luxemburg. Sieht so ein zeitgenössischer Komponist aus? Niemals. Das sind würdige Alt-68er mit verwuselter Haarpracht, Intellektuellenbrille und schrecklich vielen Fachausdrücken, die außer ihnen höchstens noch der Kritiker versteht.
Und dann das: eine junge Frau, laut Pass 37, aber eher wie 27 wirkend, klein, rothaarig, mit Händen und Füßen redend, bisweilen auf- und abspringend, mit blitzenden Augen und ansteckender Begeisterung.
Begeisterung für zeitgenössische Oper? Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Catherine Kontz lacht, als sie darauf angesprochen wird, dass die meisten Menschen mit atonalen Klängen eher unangenehme Gefühle verbinden. "Ich versuche, auch im Dissonanten immer noch was Schönes zu finden", sagt sie und bekennt, dass sie Kagel und Cage liebt, auch Schostakowitsch und Messiaen. Aber dass sie auch großen Wert darauf legt, ihren eigenen Stil zu prägen: "Ich schreibe nicht für eine Elite, meine Musik ist offen für alle Ohren."
Dass sie einst Komponistin werden würde, lässt sich an ihrem Lebenslauf schwerlich ablesen - trotz der Freude am Klavierspielen. Da gibt es ein elterliches Autohaus in Luxemburg, und die Tochter studiert in Paris BWL. Doch statt die Firmenübernahme anzusteuern, wirft sie kurz vor dem Examen den Kram hin und bewirbt sich spontan für ein Studium am renommierten Londoner Goldsmith-College, einer Kunstakademie, die Koryphäen wie Damien Hirst oder John Cale hervorgebracht hat. Sie entdeckt das Komponieren, schließt mit einer Doktorarbeit ab.
Seither hat sie sich in London mit unkonventionellen Projekten einen Namen gemacht. Sie lässt bei ihren Konzerten Zeppeline durch den Raum schweben, schreibt Musik für Spielzeug-Klaviere, druckt Partituren auf Bühnenböden. Die Raumkonzepte, die sie - wie jetzt in Luxemburg - mit der Bühnenbildnerin Ellan Parry entwickelt, erregen Aufsehen, ihre Ausflüge als Musikerin in den progressiven Pop ebenfalls.
Und trotzdem: Vom Komponieren allein kann man nicht leben. Immer noch unterrichtet sie Klavierschüler, hangelt sich von Projekt zu Projekt. "Es gibt Jahre, da kommt man gut über die Runden, es gibt andere, da ist es schwer." Zumal, wenn man mit einem Musiker verheiratet ist und eine zweijährige Tochter hat.Sechser im Lotto


Da kam der Kompositionsauftrag aus Luxemburg vor drei Jahren wie ein Sechser im Lotto. Sie hatte, eher auf gut Glück, Material an das Grand Théâtre ihrer ehemaligen Heimatstadt geschickt - und zurück kam das Angebot, eine Oper zu schreiben. Es kam nur eine Vorlage in Frage: Der Roman "Schnee", 1999 vom Franzosen Maxence Fermine geschrieben. "Es gefiel mir, dass das in Japan spielt", erzählt Catherine Kontz. Die Aufteilung in kleinere Szenen schien ihr ideal für die Kammeroper, die ihr vorschwebte. Fünf Sänger, ein vierköpfiger Frauenchor, ein Tänzer, ein Akrobat, ein 14-köpfiges Orchester - so ist die Besetzung. Glas-Harmonika und Taiko-Trommel sollen für fernöstliche Atmosphäre sorgen.
Regie führt sie selbst - das ist logisch, wenn jemand von sich sagt, er denke visuell und schreibe Stücke "in den Raum hinein". Letzterer sieht in Luxemburg faszinierend aus, eine weiße, strenge Tücherlandschaft, die sich per Projektion in bunte Handlungsorte verwandelt.
Die Nachmittagsprobe hat inzwischen begonnen, und verwandelt hat sich auch Catherine Kontz. Von einem großen, fröhlichen Kind in eine konzentrierte Arbeiterin, die mit der mächtigen Partitur unterm Arm durch die dunkle Szenerie wieselt. "Ich liebe Puzzles", hat sie vorhin noch gesagt, "es macht Spaß, wenn man kleine Teile zu einem Ganzen zusammensetzt". Wenn das geschafft ist, muss sie nur noch die offenen Ohren finden.Extra

"Neige" (Schnee) spielt Ende des 19. Jahrhunderts in der ewig weißen, strengen Winterkälte des japanischen Nordens. Der junge Haiku-Dichter Yuko Akita (Rodrigo Ferreira) schlägt die Priester-Laufbahn aus und macht sich auf gen Süden, um die Farben kennenzulernen - eine Welt, die ihm nach einer langen Reise ein blinder Meister eröffnet. Fortan pendelt er zwischen Nord und Süd, zwischen Eis und Regenbogen, zwischen Liebe und Tod. Eine berührende, enorm poetische Geschichte. Die musikalische Leitung hat der britische Dirigent Gerry Cornelius, es spielt das Luxemburger Orchester United Instruments of Lucillin, das auf neue Musik spezialisiert ist. An der Produktion wirken auch zwei Trierer mit: Der Tänzer Reveriano Camil und der Pianist Klauspeter Bungert. DiL Aufführungen am 19. und 20. Dezember, 20 Uhr. Dauer 75 Minuten, keine Pause. Info: www.theatres.lu