Auf die Folter gespannt

LUXEMBURG. Nach zwei Spielzeiten mit Serien höchstwertiger Aufführungen hat das Grand Théâtre Luxemburg mit Puccinis "Tosca" erstmals einen ziemlichen Missgriff gelandet. Die Koproduktion mit dem Theater Rouen kann weder szenisch noch musikalisch annähernd zufrieden stellen.

Puccinis Opern-Schocker "Tosca" birst förmlich vor Spannung, Konflikten, Tragödien. Nach zweieinhalb Stunden auf der Achterbahn der Gefühle sind alle tot: die ebenso naive wie begehrenswerte Sängerin Tosca, ihr mutiger Geliebter Cavaradossi, der sadistische Schuft Scapia, der tapfere Widerständler Angelotti. Es wird gefoltert und gemordet, betrogen und gelogen, genötigt und geheuchelt, und das alles zu einer Musik, die die Nervenenden kitzelt wie kaum eine zweite. Daraus ein langatmiges, schläfriges, nichtssagendes Rampentheater zu machen, ist schon ein echtes Kunststück. Regisseurin Dagmar Pischel und Dirigent Oswald Sallaberger ist es in Luxemburg bis an den Rand der Vollkommenheit gelungen. Man muss angesichts der vielen Möglichkeiten erst einmal überlegen, woran es liegt. Vielleicht an Sallabergers verschleppten Tempi im ersten Akt, die die Vermutung nahe legen, er habe die Vitamin-C-Aufbaupille vor der Vorstellung mit einer Valium-Tablette verwechselt. Die ohnehin um höchste Langsamkeit bemühten Sänger sind trotzdem die halbe Zeit zu früh fertig und quälen sich von Sequenz zu Sequenz. Ist das derselbe Dirigent, der hier eine vorzügliche "Traviata" geleitet hat? Für eine Verwechslung ist der Name eigentlich zu selten. Später wird das "Orchestre de l'Opéra der Rouen" besser, ohne freilich je jene Verve zu erreichen, die man sich für Tosca wünscht. Aber dann schlägt die Regie zu, bei der sich mangelnde handwerkliche Präzision, unlogische szenische Ideen und das völlige Fehlen wahrnehmbarer Personenführung aufs Trefflichste ergänzen. Da werden die Arme gerungen, die Fäuste geballt, der Blick gen Himmel gerichtet wie in alten Stummfilmen. Hohle Theatralik, wie sie Sänger benutzen, wenn dem Regiseur nichts einfällt. Gesten, die nichts transportieren von den hoch spannenden Konflikten, die da ablaufen. Es geht um Leben und Tod, und keiner merkt's. Wo es Ideen gibt, tragen sie nicht

Wo es Ideen gibt, tragen sie nicht. Cavaradossis Exekution als erbärmlichen Genickschuss zu zeigen, mag originell sein, passt aber nicht zu dem Trommelwirbel, mit dem Puccini musikalisch das Peloton aufmarschieren lässt. Tosca ihre letzte Würde, den Selbstmord zu rauben und sie gleichfalls niederschießen zu lassen, ist denkbar, aber in dieser Inszenierung in keiner Weise logisch erklärt. Oft passen auch einfach die Anschlüsse nicht, fehlt das Timing. Wenn Tosca im höchsten Zorn dem von ihr soeben erstochenen Scarpia zuschreit: "Ersticke an deinem Blut", starrt sie auf den Dirigenten. Entweder hat die Darstellerin subtilen Sinn für Ironie, oder es ist schlicht schlecht. Dem Bühnenbild von Rudy Sabounghi kann man zumindest im zweiten Akt eine gewisse Faszination nicht absprechen. Der Geheimdienstchef Scarpia residiert vor einer bühnenbreiten Karte von Rom, was nicht nur den Vorteil hat, dass man szenisch gesetztere Minuten mit der Suche nach dem Standort etwa des Colosseums überbrücken kann. Geschicktes Licht ermöglicht den "Durchblick" auf die Folter-Räume. Durchaus spannend. Für die ganz großen Lichtblicke können leider auch die Sänger nicht sorgen. Marc Mazuir lässt sich als erkältet ansagen, was fraglos die mangelnde Durchschlagskraft seines Scarpia an diesem Abend erklärt, keinesfalls aber den völligen Mangel an Dämonie und Faszination des Bösen. Anda-Louise Bogza erweist sich als stimmlich opulente, in der Tiefe herrlich timbrierte, in der Höhe zwiespältige, in der Darstellung aber völlig indiskutable Tosca. Am überzeugendsten noch Carlo Guidos Cavaradossi, kraftvoll, freilich vollkommen ohne Schmelz und Italianitá. Gerade das kommt ihm zugute, wenn er seine Parade-Arie "E lucevan le stelle" ohne Jammerton und Geschluchze und eben deshalb höchst beeindruckend singt, bevor ihn gegen Ende eine völlige Erschöpfung ereilt. Unterm Strich eine Produktion, die den hohen Luxemburger Ansprüchen nicht standhält und weit hinter der letzten Trierer "Tosca" zurückbleibt. Erstaunlich, wie gelassen, ja freundlich das genügsame Luxemburger Publikum den Abend aufnahm. In einer Großstadt-Oper hätte es Buhs gehagelt. Weitere Vorstellungen: 18. (nachm.) und 20. Dezember. Kartenreservierung: 00352/4708951, Infos: www. theater-vdl.lu

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