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Auf die Spitze getrieben

Auf die Spitze getrieben

Die Trierer Schauspieldirektorin Caroline Stolz beweist in ihrer Inszenierung „Hinter der Fassade“ ihr Fingerspitzengefühl für den Balanceakt zwischen anspruchsvoller Komödie und Klamauk. Die vier Darsteller überzeugen in der ausverkauften Premiere auf der Studiobühne durch Ausdrucksstärke.

Über Humor lässt sich trefflich streiten. Was für den einen urkomisch ist, findet der andere geschmacklos. Worüber der eine vor Lachen brüllt, ist für den anderen lächerlich. "Hinter der Fassade" ist so ein Stück, das blitzschnell ins Triviale abrutschen könnte. Da ist eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl gefragt bei der Inszenierung.

Die Story ist recht banal: Zwei alte Freunde treffen sich zum Abendessen. Der eine lebt in langjähriger Ehe - mit all den Ups und Downs. Der andere hat sich gerade seiner Angetrauten entledigt, um mit einer Jüngeren Spaß und Sex zu haben. Als Daniel Patrick zu sich einlädt, zerbröselt die Fassade dieser Freundschaft.
Alle vier zeigen ihr wahres Gesicht - allerdings nur dem Publikum im ausverkauften Studio des Theaters Trier, das so zum Mitwisser wird. Ein Schachzug des französischen Autors Florian Zeller: Er hat in seiner Komödie zwei Ebenen herausgearbeitet - das gesprochene und das gedachte Wort. Und die stimmen selten überein.

Regisseurin Caroline Stolz treibt diese Idee auf die Spitze. Ihre Protagonisten drücken ihre Empfindungen nicht nur in Worten, sondern auch - im Verlauf des Stücks immer massiver - in Gestik, Mimik und mit vielsagenden Blicken aus. So werden die Gedanken zum Stück im Stück. Herrlich komisch die Szenen, in denen es kaum gelingt, Sein und Schein auseinanderzuhalten.

Bei den Kostümen hat Susanne Weibler tief in die Klischeekiste gegriffen: Daniel trägt ein biederes Sakko zu grüner Breitcordhose, Isabelle ein braves langes Kleid, Patrick Lederjacke, knallgrüne Sportschuhe. Die Tiefe seines Ausschnitts wetteifert mit der von Emmas Kleid, das mehr offenbart als bedeckt. Das Bühnenbild - das Stück spielt ausschließlich in Patricks und Isabells Wohnzimmer: Sitzmöbel und Tisch mit biederem 60er-Jahre-Charme, dazu unzählige Steh- und Hängelampen. Was sich bestens für Slapstick-Einlagen eignet: Leuchten, die nicht aus oder wie von Geisterhand wieder angehen. Ein Sessel, auf dem Benjamin Schardt (Daniel) keinen Platz findet. Ein Sofa, das Niklas Maienschein (Patrick) und Marie Scharf (Emma) fast aufeinandersitzen lässt, beinahe verschlingt.

Stolz spielt in ihrer ersten Inszenierung als Schauspieldirektorin in Trier mit dem feinen Sprachwitz der Komödie. Und sie hat in Vanessa Jeker (Isabelle), Maienschein, Schardt und Scharf hervorragende Mitspieler gefunden. Die geben sich mal dominant, unsicher, plump, linkisch, mal angeberisch, immer ängstlich und besorgt, ihre Fassade verlieren zu können. Dominiert zu Beginn des Stücks das subtil Humorvolle, entwickelt es sich im weiteren Verlauf bis hin zum Klamauk.

Doch Stolz gelingt es, den ganz schmalen Grat zwischen anspruchsvoller Komödie und Schenkelklopfer nie zu verlassen. Wozu nicht zuletzt die erstklassige Leistung der Darsteller beiträgt. "Hinter der Fassade" deckt jedoch nicht nur die Gedanken der Protagonisten auf. Auch manch Zuschauer verrät seine Überlegungen - Lachen an prekären Stellen entlarvt so manchen Macho.

Weitere Termine: 18., 21., 27. Oktober, 2., 8., 14., 25., 28. November, 19.30 Uhr, 29. Oktober, 18 Uhr, Studio. Karten: Theaterkasse Telefon 0651/718-1818.