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Auf hoher See mit Litfaßsäulen statt Segel

Auf hoher See mit Litfaßsäulen statt Segel

Wie wird sie bloß - die Zukunft? Manche fürchten sich vor ihr, andere schmieden die wildesten Visionen. In Kooperation mit dem Deutschlandfunk nimmt der Volksfreund in dieser Woche den Traum von einem neuen Schiffsantrieb, dem Flettner-Rotor.

Trier. Februar 1925. Die Hamburger Landungsbrücken sind schwarz vor Menschen. Stundenlang starren sie auf die Elbe, Richtung Altona. Dann brandet Jubel auf. Die Euphorie gilt dem seltsamen Schiff, das gerade einläuft: Die "Buckau" wird weder durch Segel noch durch Dampf angetrieben, sondern von zwei masthohen, lautlos rotierenden Litfaßsäulen. Sein Erfinder Anton Flettner erfährt 1923 von den Versuchen des Göttinger Strömungsforschers Ludwig Prandtl. Dieser hat rotierende Zylinder im Windkanal vermessen und ist auf verblüffende Auftriebswerte gestoßen, deutlich mehr als bei einer Flugzeugtragfläche.

Flettner ist fasziniert und lässt sich das Phänomen erklären: Bläst der Wind gegen einen ruhenden Zylinder, etwa einen Schornstein, teilt sich der Luftstrom gleichmäßig und fließt um beide Seiten gleich schnell herum. Versetzt man aber die Säule mit einem Motor in Rotation, bewegt sich die eine Zylinderseite mit dem Luftstrom, die andere dem Luftstrom entgegen.

Die Folge: Auf der einen Seite fließt die Luft deutlich schneller als auf der anderen. Dadurch entsteht wie ähnlich bei einer Flugzeugtragfläche ein Sog: Links bildet sich ein Unterdruck, rechts ein Überdruck. So verspürt der rotierende Zylinder einen kräftigen Schub - im Prinzip zehn Mal mehr als ein gleich großes Segel.

Allerdings muss der Zylinder laufend von einem Elektromotor in Schwung gehalten werden, sonst gibt es keinerlei Vortrieb. Also: Nicht etwa der Wind dreht die Zylinder, es ist ein Motor.

Flugs meldet der Erfinder die Idee als "Flettner-Rotor" zum Patent an und rüstet ein altes Segelschiff auf Rotoren um: Die Buckau erhält zwei 16 Meter hohe und knapp drei Meter dicke Stahlblechzylinder, in Drehung versetzt von 15-PS-Elektromotoren. Ende 1924 folgt die Jungfernfahrt. Bei idealem Wind stoppt der Kapitän den Hauptmotor und setzt die Zylinder in Bewegung. Sofort nimmt die Buckau Fahrt auf und kommt auf sieben Knoten - mehr als vorher mit den Segeln. Über Nacht ist Flettner berühmt. Manche rechnen damit, dass binnen Jahresfrist die halbe Handelsflotte mit den genialen Zylindern ausstaffiert ist.

Dann kommt die Weltwirtschaftskrise und setzt den Plänen ein Ende. "Technisch hat alles vorzüglich funktioniert", sagt Claus Wagner, pensionierter Ingenieur von der Hamburger Werft Blohm + Voss. "Was den Erfolg des Rotorschiffs verhindert, ist der Beginn des Ölzeitalters." Nach Ende der Wirtschaftsflaute fließt das Erdöl reichlich und preiswert, statt des Rotorsegels erobert sich der Dieselmotor seinen Platz an Bord.

Heute aber, angesichts von Klimawandel und steigenden Ölpreisen, könnte Flettners Patent vor einer Renaissance stehen. Auf einigen Booten dreht sich zu Testzwecken wieder ein Rotor. Und zurzeit erprobt der Windenergiehersteller Enercon sein "E-Ship 1" - ein 130 Meter langes und mit vier jeweils 27 Meter hohen Segelrotoren ausgestattetes Schiff, das bis zu 40 Prozent Treibstoff sparen soll. Die Rotoren fungieren als Zusatzantrieb zu einem herkömmlichen Dieselmotor.

Ein ähnliches Patent hat die Hamburger Firma SkySails entwickelt: einen Zugdrachen, der das Schiff hinter sich her zieht. 300 Meter hoch in der Luft fliegt der Drachen Schlangenlinien und bewegt das Schiff kräftig nach vorn. "Wir haben das System auf mehreren Frachtern in Betrieb genommen", sagt Stephan Brabeck, technischer Geschäftsführer von SkySails. "Unser Drachen produziert rund fünf Mal mehr Schubkraft als ein gleich großes Segel." Das Potenzial scheint enorm. "Würde man 60 000 Schiffe mit SkySails ausrüsten, ließen sich pro Jahr 150 Millionen Tonnen CO2 einsparen", so Brabeck.

Ob sich die Kosten von einigen 100 000 Euro pro Drachen rechnen, wird vom Ölpreis abhängen. Politischer Druck fehlt, es ist kein Gesetz in Sicht, das die Reeder dazu veranlasst, die CO2-Emissionen ihrer Schiffe zu senken. Bis dahin wird Klimaschutz einzig über die Geldbeutel der Schiffseigner laufen.

Dieser Beitrag läuft am 10. August im Deutschlandfunk im Rahmen der Reihe "Rückblicke auf die Zukunft" (immer dienstags um 16.35 Uhr in der Sendung "Forschung aktuell"). In der Region empfangen Sie den Deutschlandfunk auf UKW 95,4 und 104,6. Weitere Informationen im Netz unter www.dradio.de/utopien