Auf Messers Schneide

Auf Messers Schneide

Zum Start ins Kleist-Jahr 2011 setzt das Luxemburger Nationaltheater mit "Amphitryon" ein Glanzlicht. Stefan Maurers verknappte, hoch konzentrierte Version liefert reichlich Diskussionsstoff und glänzende Schauspielerleistungen.

(DiL) Ein Alptraum: Feldherr Amphitryon kommt aus dem Krieg nach Hause und muss feststellen, dass kurz zuvor ein Doppelgänger - was er nicht weiß: der Gott Jupiter - bei seiner Frau Alkmene die Früchte der langen Abwesenheit geerntet und dabei eine Begeisterung erzeugt hat, die ihm nie vergönnt war. Weil die Eheleute sich wechselseitig für Betrüger halten müssen, entsteht eine Konstellation mit gleichermaßen komödiantischen wie tragischen Aspekten.

Stefan Maurers auf eineinhalb pausenlose Stunden reduzierte Fassung bedient beide Seiten der Medaille, treibt Komik wie Verzweiflung auf die Spitze. Eine Produktion auf Messers Schneide, nicht nur, weil sie aufgrund einer Probenverletzung um ein Haar nicht zustande gekommen wäre. Maurer setzt auf Risiko, lässt Amphitryon und Jupiter ebenso wie seinen Diener Sosias und dessen göttlichen Doppelgänger Merkur vom jeweils gleichen Darsteller spielen. So wird aus der boulevardesken Komödie eine Psycho-Studie über menschliche Identität.

Den Schlüsselmoment gibt es gleich dreifach, auf Deutsch, Französisch, Luxemburgisch. "Entscheide du!", sagt Jupiter zu Alkmene auf die Frage, ob er Gott oder Ehemann sei. Es geht nicht um überirdischen Zauber, es geht um das, was Menschen ineinander sehen. Und woran sie womöglich zerbrechen.

Germain Wagner zeichnet die beiden Gesichter von Amphitryon/Jupiter mit wenigen gekonnten Strichen, den coolen Gott wie den zornigen Soldaten. Fabienne Elaine Hollwege spielt die Alkmene, hochschwanger, überschwänglich, immer am Rand des Nervenzusammenbruchs - und mit einer radikalen, manchmal beängstigenden Körperlichkeit. Die unbefangene, umwerfend pfiffige Rotzigkeit, mit der Karin Enzler Alkmenes Dienerin Charis ausstattet, erinnert von fern an Sophie Rois. Marc Limpach ist der Held des Abends, spielt er doch den Sosias mit kaputtem Rücken - vielleicht eine Folge des Umstands, dass der Regisseur seine Akteure zu den wuchtigen Maschinenklängen von FM Einheit ("Einstürzende Neubauten") schon mal durch rutschiges Sauerkraut waten lässt.

Anja Jungheinrichs Bühnenbild besteht aus einem drehbaren Raumteiler, auf der einen Seite Wellblech-Tor, auf der anderen Riesen-Matratze. Ein geniales Instrument zum Beschleunigen und Bremsen der Handlung.

Vorstellungen: 2., 4., 8., 10., 15. März. Info/Karten: www.tnl.lu

Mehr von Volksfreund