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Auf seine Stimme hört die Jugend

Auf seine Stimme hört die Jugend

Benjamin Griffey ist der derzeit am meisten umjubelte Hip-Hop-Musiker Deutschlands. Unter dem Namen Casper tourt der 28-Jährige durch Deutschland. Am 26. August tritt er in Trier auf.

Berlin/Trier. Als Heilsbringer des deutschen Rap wird Casper gefeiert, sein Album "XOXO" (Internetsprache für "Küsschen und Umarmung") landete in den deutschen Albumcharts direkt auf Platz eins. Im TV-Interview erzählt er Steffen Rüth, wie er mit seiner neuen Rolle umgeht.Casper, von null auf eins. Glückwunsch!Casper: Danke. Ja, es läuft erschreckend gut. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn ich nach den hohen Erwartungen als das "Fiasko des Jahres" geendet wäre. Aber so ist jetzt erst einmal alles super. Ich freue mich.Scheint so, als könnten sich in diesem Sommer alle auf Casper einigen.Casper: Ich merke eher das Gegenteil: Speziell innerhalb der Hip-Hop-Szene polarisiert meine Platte sehr. Auf der einen Seite hast du die Hasser. Für die bin ich Hipser, Emo-Rapper, indie, schwul. Was dort alles als Beleidigung gemeint ist. Ich glaube nicht, dass es einfach ist, meine Sachen öffentlich gut zu finden. Ein 16-Jähriger, der in der Schule sagt "Ich höre Casper", der muss sich bestimmt Sachen anhören wie "Scheiße, das ist doch ein Weichei". Dadurch, dass sie mich immer verteidigen müssen, feiern mich meine Fans also umso krasser ab.Ihre Musik ist sehr weit weg vom herkömmlichen deutschen Hip-Hop. Können Sie sich mit dieser Gangsta- und Prollszene überhaupt identifizieren?Casper: Nein. Ich komme auch ganz woanders her. Ich stelle mich stark gegen diese Homophonie im Hip-Hop. Ich habe auch mit Breakdance oder Graffiti nichts am Hut. Musikalisch aufgewachsen bin ich im Autonomen Jugendzentrum in Bielefeld, ich spielte früher in einer Punk- und Hardcore-Band. Das mit dem Rappen habe ich nur nebenbei gemacht, das war eigentlich nichts weiter als Spaß. Ich habe dann zwei eher klassische Hip-Hop-Alben aufgenommen, die in der Szene gut angekommen sind. Trotzdem stand für mich fest, dass ich mich in unbekannte Gewässer vortasten wollte. Sie sitzen hier mit Wollmütze, Flanellhemd und enger grauer Jeans. Sie sehen also auch nicht aus wie ein Rapper.Casper: Nö. Ich höre das auch nicht. Meine Musik, das sind Bands wie die White Lies, The National, Tocotronic, Coldplay, Kettcar. Ich sehe nicht die Notwendigkeit, mich gemäß des Hip-Hop-Kodex anzuziehen und mir irgendwelche Manierismen anzueignen. Das ist Quatsch. Meine Musik repräsentiert mich.Ist der deutsche Rap nicht sowieso längst am Ende?Casper: Die Szene ist immer noch groß, aber die Allgemeinheit hat das nicht mehr so auf dem Schirm. Wenn ich an der Uni gesagt habe "Ich mache deutschen Rap", dann kriegte man ähnlich mitleidige Blicke. Deutscher Hip-Hop ist einfach uncool geworden.Woran liegt das?Casper: Das Problem ist, dass viele auf der Stelle treten. Einen Samy Deluxe fand man vor zehn Jahren spannend, dann hat er sich aber nicht entwickelt. Meine Vorbilder im Rap sind eher Leute wie Jay-Z oder Kanye West. Die machen heute praktisch Stadionrock. Das war auch mein Ansatz. Ich wollte eine Platte machen, die so groß wird, dass man sie auch in großen Hallen spielen kann. Und so klein und intim, dass man sie zu Hause hören mag.Von der Indie-Hoffnung sind Sie jetzt mit "XOXO", das bei der bekannten Firma Fourmusic veröffentlicht wurde, zur Hoffnung einer ganzen Szene geworden. Setzt Sie das unter Druck?Casper: Anfangs ja. Ich hatte daran zu knabbern, mit diesen Erwartungen zu leben, und habe bestimmt zwei Jahre an diesem Album gearbeitet. Irgendwann konnte ich mich lockermachen. Ich denke, man hört dem Album an, dass sehr viel Liebe drinsteckt. Mein Ziel war, eine Platte zu machen, die man als Jugendlicher gut finden und auch als Erwachsener mögen kann, ohne dass es einem peinlich ist.Spüren Sie die Verantwortung, quasi im Alleingang dem deutschen Hip-Hop neues Leben einzuhauchen?Casper: Die spüre ich, da sie von den Medien an mich herangetragen wird, und ich weise sie von mir. Ich bin nicht der Hip-Hop-Heiland.Sie sagen, Sie machen Musik für die iPod-Generation. Was versteshen Sie darunter?Casper: Als ich aufgewachsen bin, war man Raver, Punk, Popper oder Rapper. Heute ist das nicht mehr so. Da kann man alles mögen. Lady Gaga zum Beispiel finde ich super, das ist perfekter Pop. Und auch ich mache Popsongs. Daneben stehen dann solche heftigen Nummern wie das "Grizzly-Lied" oder etwas total Runterziehendes wie "Kontrolle/Schlaf".In diesem Text rappen Sie: "Ich versuch das Leben rosig zu sehen/ Aber Depressionen scheinen niemals aus der Mode zu gehen". Macht Casper Musik für die "Generation Depri"?Casper: Ich sehe uns eher als die "Generation Dümpel". Wir stehen und fallen für nichts. Früher gab es Hippies, es gab Punks und Rebellion, selbst in den 1980ern drückte man seinen Standpunkt noch aus. Ab Mitte der 1990er ist das alles erlahmt. Wir verlieren uns im Berieselnlassen, den ganzen Tag stumpf Internet, abends Flatratesaufparties, bei der Arbeit stellen alle ihren Kopf ab. Meine Generation steckt noch so etwas dazwischen, bei uns gab es "Fuck Chirac", "Free Tibet", und als allerkleinsten gemeinsamen Nenner "Nazis raus".Sind Sie ein Revoluzzer?Casper: Ach nein, aber ich bin genervt von der ganzen Gleichgültigkeit. Als bei uns an der Uni die Studiengebühren eingeführt wurden, haben das fast alle mehr oder weniger widerstandslos hingenommen. Als unser Dozent uns angeschrieen hat, wie verdammt gleichgültig wir wären, da hat die Hälfte schon wieder SMS geschrieben. Im "Grizzly-Song" beschreiben Sie, wie Ihr Vater Ihnen beigebracht hat zu schießen. Waren Sie eigentlich bei der Bundeswehr?Casper: Nee. Zivildienst als Hausmeister und Koch bei einem Jugendreise-Unternehmen. Mein Vater ist ein ziemlich roher Typ, halt der klassische Soldat. Der sagte nie "Ich liebe dich", sondern "Komm, ich zeige dir, wie man kämpft und sich verteidigt". Die ganzen Rapper machen ja immer Mutterlieder. Ich wollte einen Vatersong machen.Casper tritt am 26. August beim Landstreicher-Open-Air im Exhaus in Trier auf. Ebenfalls dabei: Prinz Pi, KraftKlub und Rockstah. Karten gibt es in den TV-Service-Centern Trier, Bitburg und Wittlich, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/ticketsBenjamin Griffey (28), geboren bei Lemgo als Kind einer Deutschen und eines amerikanischen Soldaten, wuchs in den US-Südstaaten auf. Mit elf Jahren kam er zurück nach Bielefeld. Er lebt seit 2010 in Berlin. Sein am 8. Juli 2011 erschienenes Album "XOXO" stieg bereits in der ersten Verkaufswoche auf Platz eins der Charts. red