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Aufgeschlagen - neue Bücher

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"Ein Altersheim ist ein Ort, den man normalerweise nicht lebend verlässt. Aber dies ist keine normale Geschichte", heißt es auf dem Buchrücken von Helmut Kuhns neuem Roman "Omi".

Holli Umsiedler liebt seine Oma, und sie liebt ihren Enkel. Auch wenn sie stark an Demenz erkrankt ist, ihn erkennt sie immer. Wenn sie wieder wegen einer ihrer Anfälle in der Psychiatrie landet, sobald Holli auftaucht, schmiegt sie ihr Gesicht in seine Hand, und sie wird ganz ruhig. Bei seinen Besuchen im Altenheim erzählt die Sudetendeutsche Holli aus ihrem Leben. Von ihrer großen Liebe - dem Tias, der als Unteroffizier nach Russland in den Krieg zieht und ihr von dort zig Liebesbriefe schreibt. Seinen letzten trägt sie 60 Jahre lang im Portemonnaie mit sich herum. Geheiratet hat sie dann den August. Aber der war nur ein Platzhalter für den Tias, der an einem schweren Lungensplitter stirbt. Bei jedem Besuch bei seiner Oma erfährt Holli mehr aus ihrem früheren Leben. Wie die Frauen aus Knochen Seife gekocht haben, um damit die Wäsche zu waschen. Dass sie das Wasser mit dem Eimer aus dem Brunnen holen mussten, weil es keine Wasserleitungen gab. Und wenn der "Vatter" die Gänse geschlachtet hat, hat die Mutter jede einzelne Feder aufgehoben und für Kopfkissen und Kinderbetten sortiert. Als seine Großmutter immer stärkeres Heimweh bekommt und es ihr gesundheitlich immer schlechter geht, beschließt Holli, sie aus dem Heim zu holen und mit ihr quer durch Deutschland bis nach Tschechien an die Orte ihrer Jugend zu fahren. Dabei begleiten ihn sein Sheltie Pit und seine mysteriöse Freundin Marylong. Auch wenn der Titel schlicht "Omi" heißt, verbirgt sich hinter den Buchdeckeln eine spannende Geschichte. Eine Mischung aus Roadmovie, Altenheim-Alltag, Krankheitsgeschichte und Geschichtsstunde. Dazu gesellen sich total absurde Episoden mit der aus einer Madonnenstatue entsprungenen Marylong. Ein ziemlich ungewöhnliches Buch, warmherzig, witzig und ein bisschen durchgeknallt. Stefanie Glandien Helmut Kuhn, Omi, Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten, 21 Euro.