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aufgeschlagen - Neue bücher

aufgeschlagen - Neue bücher

Ein kleiner Junge, der sich aus Angst vor seinem brutalen Lehrer vor der ganzen Klasse in die Hosen macht, und seine Tochter, die Jahrzehnte später vergisst, zu atmen: So taucht der Leser von "Der Glasmurmelsammler" in das Leben der Familie Boggs ein: in das Leben von Fergus Boggs, der nach einem Schlaganfall seine Vergangenheit vergisst, und das seiner Tochter Sabrina, die ihm helfen will, sich zu erinnern. Und merkt, dass sie nur einen Teil seines Lebens kennt.

Den ohne Murmeln. Dabei haben die kleinen Glaskugeln ihren Vater von klein auf geprägt, wie der Leser im Laufe des Buchs erfährt. Autorin Cecelia Ahern wechselt nach jedem Kapitel die Perspektive: zwischen der des kleinen Jungen, der früh seinen Vater verliert, mit seiner Familie von Schottland nach Dublin (Irland) zieht und sich mit seinen Brüdern durchs Leben kämpft. Und der der Mutter zweier Kinder, die den Sinn ihres Lebens verloren zu haben scheint und verzweifelt um ihre Ehe kämpft. Den Überblick behält der Leser dadurch, dass Fergus' Kapitel mit den Namen von Murmelspielen überschrieben sind und Sabrinas' mit den Regeln einer Badeordnung. Cecelia Ahern lässt den Leser gemeinsam mit Sabrina auf die Suche nach dem wahren Ich ihres Vaters gehen. Und gleichzeitig nach ihrem eigenen. Ihr nüchterner, fast monotoner Tonfall steht im Kontrast zum dramatischen Leben des kleinen Fergus. Dessen naiv-kindliche Sicht lässt den Leser schmunzeln, wenn der Junge von Kabbeleien mit seinen Brüdern erzählt. Ein anderes Mal erstarrt der Leser, wenn ihm durch diese naive Erzählweise die Traurigkeit, Brutalität und Dramatik von Fergus' Kindheit mit umso stärkerer Wucht entgegenschlägt. Der Leser wird mit Fergus erwachsen und begleitet Jahre später seine Tochter Sabrina - beim Hadern mit ihrem Vater, ihrem Mann und vor allem mit sich selbst. Irgendwann verschmelzen die Geschichten von Fergus und Sabrina zu einer gemeinsamen Geschichte, der Geschichte eines Mannes, der eine heimliche Leidenschaft hatte, die sein Leben bestimmte. Und der seiner Tochter, die dieser Leidenschaft erst auf die Spur kommen muss, um zu sich selbst zu finden. Das Besondere: Sa brina erkundet die Vergangenheit ihres Vaters an einem einzigen Tag. Die Lektüre des "Glasmurmelsammlers" lässt den Leser nachdenklich, aber hoffnungsvoll zurück - mit dem Gefühl, dass jeder Mensch eine zweite Chance bekommt. Andrea Weber Cecelia Ahern, "Der Glasmurmelsammler", Krüger Verlag, 368 Seiten, 19,99 Euro