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Aufgeschlagen - Neue Bücher

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"Der Herr Direktor wünscht nicht, dass ein jüdisch versipptes Kind am Tag der deutschen Hausmusik auftritt", verkündet die Lehrerin der elfjährigen Lida Winiewicz. "Mach dir nichts draus.

Du hast eine schöne Stimme. Die kann dir niemand nehmen." Da irrte sich die Frau Professor Eybl allerdings gewaltig. Die Stimme hat man dem Mädchen zwar nicht genommen - aber das hohe G, das für Schuberts "Heideröslein" nun mal unabdingbar ist. Und damit letztlich auch die Möglichkeit einer Solokarriere. Hätte es diesen traumatischen Tag nicht gegeben im Leben des Kindes, wer weiß, ob der Name Lida Winiewicz später nicht auf den Programmzetteln der Opernhäuser dieser Welt neben Elisabeth Schwarzkopf, Walter Berry oder Eberhard Wächter gestanden hätte. Mit den letztgenannten hat die Autorin nach dem Krieg das Konservatorium besucht. Aber während die anderen weltberühmt wurden, ist die Karriere der Wienerin am Ende doch an jenem hohen G gescheitert, dem "verlorenen Ton", der sie zu ihrem autobiografischen Roman inspirierte. In dem erzählt sie von einer Jugend im Wien der 1920er Jahre, in der das Zerbröckeln der altvertrauten Welt allmählich beginnt. Doch während die Risse im Alltag immer sichtbarer werden, verläuft das Leben in der vielköpfigen Familie unspektakulär und mit einer geradezu ans Banale grenzenden Normalität: Zänkereien, Liebeleien, Scheidungen, Hochzeiten, kleine und große Familienfehden, Wohnungswechsel - nichts eigentlich, was auch nur im Entferntesten danach verlangt, schriftlich festgehalten zu werden. Doch der Leser weiß, dass all diese kleinen und größeren Ereignisse nur vor dem Hintergrund dieser vermeintlichen Normalität stattfinden, und das verleiht dem Roman eine unterschwellige Spannung. Zudem beherrscht Winiewicz das Kunststück, das Geschehen konsequent aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens zu erzählen, das das Verhalten der Erwachsenen mit entwaffnender Komik beschreibt - und mit einem beeindruckenden Blick für kleine und kleinste Details. Da wundert es nicht, dass sie in der Familie nicht das beliebteste Mädel war; offenbar spürten die Erwachsenen, dass sie mit Röntgenblicken betrachtet wurden. Etwa in der Mitte des Buches hat Winiewicz eine Aufstellung gemacht von Freunden, Verwandten und Bekannten, die die politischen Entwicklungen in alle Welt zerstreut haben. Diese buchhalterische Liste ist in ihrer fast kalten Nüchternheit eine Schneise des Grauens in der trotz allem mit viel Komik und Humor getränkten Biografie, deren unausgesprochenes Motto lautet: Bloß nicht unterkriegen lassen. Genau das ist Lida Winiewicz gelungen: Mit der Opernkarriere hat's nicht geklappt. Das ist für die Autorin allerdings kein Grund zum Selbstmitleid. Das Leben geht weiter - und dass es überhaupt weiterging, ist nach den Schreckensjahren Grund genug, zufrieden zu sein. Rainer Nolden Lida Winiewicz, Der verlorene Ton. Braumüller Verlag Wien, 240 Seiten, 22 Euro.