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Aufgeschlagen - Neue Bücher

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Insekten. Technologie.

Körper-Horror-Sex. Dafür ist Regisseur David Cronenberg, Großmeister des Body Horror, bekannt. Nach einigen Filmen, in denen dieser (blut)rote Faden fehlte, kehrt er mit seinem Roman "Verzehrt" (Originaltitel "Consumed") zurück zu diesen Visionen. Mit 71 Jahren hat er diesen Debütroman vorgelegt. Zwei Paare stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Naomi und Nathan: Fotoreporter und vor allem Technik-Junkies, immer auf der Suche nach der krassesten Geschichte, die sie hoffen, in der New York Times zu veröffentlichen. Sie sind ständig in Kontakt, aber nur virtuell. "So war das Leben mit Naomi - körperlos." Ihre Leidenschaft gilt eher Kameras, Aufnahmegeräten und Laptops. Tech-Erotik. Bis auf ein eiliges Rendezvous in einem Amsterdamer Flughafenhotel kommunizieren sie im Roman nur online. Naomi recherchiert über das andere zentrale Paar des Romans. Célestine und Aristide Arosteguy sind ein französisches Philosophenpaar. Wegen ihrer Theorie des Konsumismus - "Die einzig wahre Literatur der modernen Zeit ist die Betriebsanleitung" - verehren sie ihre Studenten wie Helden und haben wie intellektuelle Groupies sexuelle Abenteuer mit dem Paar. Eine Art Sartre und Simone de Beauvoir, deren Arbeit eine Kritik an der Konsumkultur ist. Aristide wird verdächtigt, Célestine ermordet und ihre Leiche gegessen zu haben. Im Internet zirkulieren Fotos. Während Naomi in Tokio bei Aristide auf der Suche nach der Wahrheit ist, recherchiert Nathan über Barry Roiphe, einen Arzt in Toronto, Namensgeber einer Geschlechtskrankheit, die Nathan sich eingefangen hat. Die Handlung ist komplex und vielfältig, es ist schwierig, nicht zu viel zu verraten. Cronenberg verfolgt die zwei Erzählstränge zunächst getrennt voneinander. Doch als Nathan entdeckt, dass Chase, die Tochter von Roiphe, sich selbst verstümmelt und ihr eigenes Fleisch isst, verbinden sich beide Geschichten immer mehr. Bis sie zu einer werden. Hinter den verschiedenen Krankheiten und Obsessionen steht immer dasselbe: Konsum. Technologie, Fleisch, Körper werden konsumiert. Es wird bis zur Einverleibung konsumiert, die Liebe und Tod vereinen soll. Cronenberg schafft eine antithetische Welt, wo sich die Protagonisten zwischen Biologie und virtueller Wirklichkeit bewegen, zwischen der totalen Abwesenheit von und der engsten Nähe zu Fleisch - eine Thematik, die man aus Cronenberg-Filmen wie "Videodrome" oder "Existenz" kennt. Eine morbide Welt, voller beschädigter Figuren, die aus ihren psychischen und körperlichen Mängeln Lust gewinnen: "Gerade krank genug, um gut zu sein", wie es Naomi treffend beschreibt. Cronenbergs Sprache ist präzise, detailliert, gleichzeitig distanziert. Fotografisch. "Verzehrt" ist ein fesselndes Gedankenspiel, eine Vision für alle, die die älteren Filme des Regisseurs lieben und ein bisschen Ekel ertragen können. Barbara Cunietti David Cronenberg, Verzehrt, Fischer Verlag, Oktober 2014, 400 Seiten, 22,99 Euro Diese und weitere TV-Kolumnen gibt es online auf <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/kolumne" class="more" text="www.volksfreund.de/kolumne"%>