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Aufgeschlagen - Neue Bücher

Aufgeschlagen - Neue Bücher

Es geht um Verrat unter Freunden, das Chatten in Suizid-Foren, die Liebe im Alter und den Tod. Das ist die umfangreiche Themenpalette in Martin Walsers neuem Roman "Ein sterbender Mann", dem inzwischen 26. des 88-jährigen Schriftstellers.

Genauso umfangreich wie die Themen ist die Vielfalt der benutzten Genres im Werk: Brief- bzw. E-Mail-Roman, Dramen-Dialoge, Lyrik, Reiseberichte und auch Sentenzen finden sich im Werk. Speziell korrespondiert der Titel "Ein sterbender Mann" mit "Ein liebender Mann" aus dem Jahr 2008. Buchtitel mit Bildungen des Partizips Präsens Aktiv liebt Walser ohnehin: so etwa schon bei der Novelle "Ein fliehendes Pferd" (1978). Doch zurück zum "sterbenden Mann": Der 72-jährige Theo Schadt ist ein früher erfolgreicher Unternehmer in München. Er geht pleite, weil sein bester Freund, Carlos Kroll, Schadts Geschäftsgeheimnisse über eine riskante Patent idee an dessen ärgsten Konkurrenten, Oliver Schumm, verriet. Das alles wird dem Leser nicht in fortlaufend erzählter Handlung nahegebracht, sondern in einem langen Brief an einen "Sehr geehrte(n) Herr(n) Schriftsteller!" Umfangreich chattet Schadt, bisher nebenher Autor auflagenstarker Ratgeberliteratur, jetzt in Suizid-Foren und sitzt an der Kasse im Tangoladen seiner Frau. Neben ihr verkehrt er mit zwei weiteren Frauen per Mail: Zum einen mit einer sich Aster nennenden Chat-Teilnehmerin mit "irreversiblem" Selbsttötungswunsch. Die andere E-Mail-Partnerin ist die Tangotänzerin Sina Baldauf, die er im Tangoladen seiner Frau kennenlernt. Für sie verlässt er nach 38-jähriger Ehe seine "Göttliche Iris", auch wenn Sina gerade mit seinem Verräter Carlos liiert ist. Ein wahres Walser'sches Glanzstück ist eine 23-seitige Persiflage auf den Literaturbetrieb, eine Preisverleihung an Carlos Kroll im Münchner Lyrik-Kabinett. Heraus ragen im "Sterbenden Mann" auch die Wortneuschöpfungen Walsers, seine geliebten Komposita wie Selbstgesprächskulisse oder Zustimmungsfreude. Doch all diese wenig zusammenpassenden Teile der unterschiedlichen Genres stehen wie auf die Schnelle zusammengebastelt hintereinander, ein großes Ganzes ergibt sich eher nicht, da Schadt von sich selbst zudem noch sowohl in der ersten als auch der dritten Person schreibt. Walser wartet aber mit einem überraschenden Plot auf, der natürlich hier nicht verraten wird. Dazu kommt: Um den "sterbenden Mann" Theo Schadt herum sterben am Ende des Werkes die Leute, nur er selbst trotz schwerer Krankheit nicht: Sein Verräter Carlos, seine "Göttliche Iris" und Chat-Partnerin Sina sind alle tot. Ein letzter Tango in München - in Anlehnung an den berühmten Film "Der letzte Tango in Paris" von Bernardo Bertolucci aus dem Jahr 1972 mit Marlon Brando. Walser hat mit "Ein sterbender Mann" einmal mehr "Seelenarbeit" geleistet, wie schon sein Roman von 1979 heißt. Das neue Opus bietet einige Glanzlichter; das aus vielen divergierenden Einzelteilen zusammengesetzte Werk findet jedoch nur sehr schwer zu einem für den Leser schlüssigen Ganzen. Jörg Lehn Martin Walser: "Ein sterbender Mann", Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 19,95 Euro.