AUFGESCHLAGEN - NEUE BÜCHER

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Der Berliner Lunapark war in den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein großes Vergnügungsgelände: Feuerwerk, Boxkämpfe, Jazzmusik, Tanz. Der Amüsierpark versetzte die Massen geradezu in Rausch.

Somit also genau das, was den Nazis auf gar keinen Fall gefallen konnte. Deshalb machten sie "den Schandfleck des Westens" kurz nach der Machtergreifung einfach dicht. Einen besseren Schauplatz für seinen neuesten Krimi hätte Volker Kutscher nicht auswählen können. Der einstige Vergnügungspark der Weimarer Republik wird jetzt im Mai 1934 zum obskuren Ort des Verfalls, an dem sich Kommunisten und Kriminelle tummeln. Um diesen Lunapark dreht sich der bereits sechste Fall von Kommissar Gereon Rath. Auch hier wieder verknüpft der Kölner Autor Kutscher fiktionale Kriminalfälle und Figuren äußerst gekonnt mit historischen Ereignissen und Personen des Dritten Reichs. Wenige Monate vor dem Röhm-Putsch spielen in Berlin SA, SS, Geheime Staatspolizei sowie das SA-Feldjägerkorps eine immer größere und schlimmere Rolle. Nach dem ersten Mord an einem SA-Mann verdächtigt die Geheime Staatspolizei unter Führung von Raths ehemaligem Kollegen Gräf ausschließlich kommunistische Propaganda- und Parolenschmierer-Trupps des Mordes. Doch Rath verfolgt ganz andere Spuren. Ins verbrecherische Spiel greifen - auf verschiedenen Seiten - ehemalige Mitglieder der 1933 zerschlagenen Berliner Ringvereine Nordpiraten und Berolina ein. Unbedingt zu erwähnen ist jedoch, dass Kutscher seinen Protagonisten Gereon Rath nicht ausschließlich positiv zeichnet: Der Berliner Kriminalkommissar hat jede Menge widersprüchliche, auch egoistische Seiten. Mit Lügen und Heimlichkeiten verstrickt sich Rath nicht nur gegenüber seiner Frau Charly - die gar von der SA in "Schutzhaft" genommen wird - oder seinem Pflegekind Fritze, sondern auch gegenüber Kriminaldirektor Gennat in immer tiefere Widersprüche. Dem ehemaligen Chef des Ringvereins Berolina soll Rath einen "Gefallen tun", er erhält von diesem quasi einen Mordauftrag. Wird er ihn annehmen? Kutscher spickt seinen neuesten Gereon-Rath-Roman mit vielen Details. So führt er die harten SA- und SS-Männer sowie Geheime Staatspolizisten durch homosexuelle Beziehungen - was aber wohl tatsächlich bis in die höchste Führungsebene der Wahrheit entsprach - gleichsam ad absurdum. Doch insgesamt scheint mir diese Vielschichtigkeit der Handlungsstränge, die die eigentliche "Geschichte" gar nicht weiterführen, manchmal etwas zu langatmig. Denn ein Kriminalfall muss sich nicht zwangsläufig über 560 Seiten entwickeln. Aber davon abgesehen: ein gelungener Krimi. Seine Gereon-Rath-Reihe wird Kutscher voraussichtlich um zwei weitere Bände ergänzen: bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 1936 in Berlin. Jörg Lehn Volker Kutscher, Lunapark. Gereon Raths sechster Fall, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, gebunden, 560 Seiten, 22, 90 Euro.

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