Aufgeschlagen - Neue Bücher

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Wer fast volljährig und kurz vor dem Abi ist, ist der festen Überzeugung, die Welt noch aus den Angeln heben zu können - und genau nicht so zu werden wie Eltern oder angepasste Mitschüler, die ihr Leben später einmal in den Leitzordnern mit der Aufschrift Birth (Geburt), School (Schule), Work (Arbeit) und Death (Tod) abheften werden. "Höppner Hühnerknecht" ist so ein Idealist.

Zum Beweis, dass auch alles anders werden kann im Leben, zieht der ewig hadernde Ich-Erzähler im Roman "Auerhaus" des Berliner Schriftstellers und Kabarettisten Bov Bjerg in eine Schüler-WG im schwäbischen Niemandsland ein. Und mit ihm ein ganzer Schwarm jugendlicher Outlaws: Da wäre Höppners bester Freund, der lethargische und suizidgefährdete Frieder ("Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben."), seine große Liebe Vera, ihre psychotische Freundin Pauline, die wohlstandsverwöhnte Cäcilia und der schwule Stricher Harry. In den späten 1980er Jahren angesiedelt, führen die jungen Anti-Helden nicht mehr das Leben ihrer Mitschüler, sondern ein "richtiges Leben" wie sie sagen, mit Aufstehen, Essenbesorgen, Kochen und vor allem Reden, Reden, Reden - damit Frieder sich nicht nochmal das Leben zu nehmen versucht. "Nicht 18 zu werden, war scheiße. Wenn man nicht 18 wurde, war alles umsonst." Für die Dorfbewohner ist dies alles mehr als mysteriös, und so nennen sie das verruchte Haus auch noch "Auerhaus", weil ihnen von drinnen ständig der damalige Disco-Gassenhauer "Our House" von Madness entgegendröhnt - aber keiner Englisch kann und versteht. Neben alldem sind es die realen Probleme von Jugendlichen wie Versagensangst, eine demütigende Musterung bei der Bundeswehr und die Flucht aus der gähnend langweiligen Provinz nach Berlin, die in Bjergs Roman die kurze Zeit des Erwachsenwerdens in der "echten" Wirklichkeit enden lässt. Denn der eigentliche Plan geht schief, das wahre Leben vereinnahmt auch das "Auerhaus". Wer den Roman liest, wird ein Stück weit Teil der WG. Denn Bjerg tappt mit seinem ambitionierten Werk über Jugendliche nicht in die Falle, sich der Jugendsprache anzubiedern und peinlich zu wirken. Er versteht es, mit knappen Sätzen gerade witzig sein zu wollen und doch Komik zu erzeugen. "Herr Höppner" gesteht am Ende: "Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig." Und so bleiben wohl einige Leser zwar gut unterhalten, aber doch wehmütig zurück. Denn gerade diese kurze Lebenszeit des Erwachsenwerdens, die allen Jugendlichen wie eine Ewigkeit vorkommt, ist schnell und unwiederbringlich vorbei - und doch eine der schönsten Zeiten im Leben. Sabine Schwadorf Bov Bjerg: "Auerhaus", Aufbau Verlag, 240 Seiten, 18 Euro.

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