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Aufgeschlagen - Neue Bücher

FOTO: (g_kultur
Was für ein aufregendes Leben William Boyd seiner Heldin in seinem neuen Roman "Die Fotografin" andichtet. Amory Clay wird 1908 als erstes von drei Kindern geboren.

Ihr Vater, ein Schriftsteller, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg unter einer Schreibblockade leidet, gibt in der Zeitung "versehentlich" die Geburt seines Sohnes bekannt. Schon dieser erste Fauxpas lässt ahnen, dass sein Verhältnis zu seiner Tochter irgendwie gestört ist. Zwar ist sie sein heimlicher Liebling, doch später versucht er sich und Amory umzubringen, was jedoch missglückt. So wie einiges im Leben von Amory Clay glückt und missglückt. In der Schule ist sie ein Ass, wird sogar für ein Studium in Oxford vorgeschlagen. Doch Amory will lieber Fotografin werden, ein zu der Zeit ungewöhnlicher Berufswunsch für eine Frau. Sie zieht zu ihrem homosexuellen Onkel nach London, der sie in die Technik der Fotografie und in die Gesellschaft einführt. Ihre erste Ausstellung mit heimlich aufgenommenen Fotos aus Berliner Bordellen ist ein Skandal. Sie versucht einen Neustart in New York, wo sie auf ihre große Liebe trifft, einen verheirateten Mann. Der Zweite Weltkrieg bricht aus und Amory zieht es an die Front. Dort lernt sie einen Offizier kennen, den sie später heiratet. Doch auch dieses Glück währt nicht ewig. William Boyds Roman liest sich wie die Biografie einer real existierenden Frau. Die vielen Schwarzweiß-Fotos, die allerdings eher wie Schnappschüsse denn wie professionelle Bilder aussehen, scheinen ihr Leben zu dokumentieren. Doch in Wirklichkeit hat der Schriftsteller die Fotos ihm fremder Menschen über Jahre hinweg gesammelt und für das Buch gezielt eine Auswahl getroffen. Seine Heldin ist eine faszinierende Frau. Mutig, selbstbewusst und lebenshungrig stürzt sie sich unerschrocken in die Abenteuer als Fotografin. Auch ihr Liebesleben ist turbulent. Wenn sie einen Schicksalsschlag erlebt, hadert sie nicht lange, sondern nimmt ihr Leben mit einer Unerschrockenheit in die Hand, die einen staunen lässt. "Die Fotografin" ist ein wunderbares Porträt einer für die 1920er Jahre außergewöhnlich emanzipierten Frau. In Zeitsprüngen blickt sie selbst auf ihr Leben zurück und kommt zu der Erkenntnis: "Die persönlichen Erfahrungen im Umgang mit dem Tod lehrt einen das Wesentliche, nämlich, was es bedeutet zu leben - zu empfinden und zu atmen." Diese Frau mit ihrem starken Willen, ihrer Lebensweisheit, ihrem harten Panzer, unter dem sich doch ein weiches Herz verbirgt, wächst einem ans Herz. Die letzte Seite kommt da viel zu schnell. Stefanie Glandien William Boyd, "Die Fotografin", Berlin Verlag, 560 Seiten, 24 Euro.