Aufgeschlagen - neue Bücher

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Die Idee zu diesem Roman ist ein Paradox. Der Ich-Erzähler ist noch nicht geboren, er ist noch nicht einmal gezeugt.

Sein Geburtsdatum liegt in der Zukunft - im Jahr 1972. Und ob es überhaupt so weit kommt, scheint äußerst unwahrscheinlich, denn seine Eltern kennen sich nicht. Die Mutter ist im Begriff, in Marseille auf einen schwermütigen Franzosen hereinzufallen. Und der labile Vater gerät gerade in die Fänge eines Frankfurter Unterwelt-Typen. Dass der Erzähler überhaupt eine Lebenschance bekommt, erfordert also eines: Fantasie. Viel Fantasie. Aber die enthält dieser Roman reichlich. Wie bringt man die Erzählstränge zusammen? Drei bewaffnete Pelzjackenträger tauchen auf, ein ominöser Koffer und 100 000 Mark, ein böser Unterweltboss, zwei Frischverliebte, ein von zu Hause geflüchteter Jugendlicher, ein Schaf und drei Autos, die am Schluss alle nicht mehr heil sind. Als Ort der Handlung läuft alles auf die Stadt der Liebe hinaus - und dort auch nicht irgendwo, sondern direkt auf dem Eiffelturm. Am Ticketschalter anstehen brauchen die Buchhelden natürlich nicht - mit der Realität hat die Story nämlich nichts zu tun. Sie ist vielmehr ein Feuerwerk der Fantasie -, stilistisch brillant, ansonsten aber völlig gaga. Was das soll? Die Antwort steht weder im Buch noch auf dem Klappentext. Tilman Rammstedt, preisgekrönter, von Schreibhemmungen geplagter Autor, hat den Roman zusammen mit seinem Verlag als multimediales Projekt entwickelt. Am Anfang stand die Idee - ein Kapitel auf zwei Seiten. Und das Ziel war auch irgendwie klar: Die Eltern des Erzählers mussten zusammenkommen. Dann kam täglich ein Kapitel hinzu - das auch an Abonnenten verschickt wurde. Die Erstleser gaben Feedback, diskutierten, sponnen Ideen weiter. Und am nächsten Tag folgte die Fortsetzung - Schreibhemmung hin oder her. Ein Experiment, oft lustig, schräg, aber als Roman nichts, was bleibt. Anne Heucher Tilman Rammstedt, Morgen mehr, Roman, Carl Hanser Verlag, München 2016, 229 Seiten, 20 Euro.

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