Aufgeschlagen - neue Bücher

In Frankreich ist Shumona Sinha bekannt. Seit sie wegen ihres provokativen Romans "Erschlagt die Armen" ihren Job als Dolmetscherin in einer Asylbehörde verloren und das Flüchtlingsthema alle ergriffen hat, interessierte sich die Öffentlichkeit plötzlich für die aus Indien eingewanderte Englischlehrerin.

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Foto: (g_kultur

Nun hat Sinha einen neuen Roman geschrieben, ihren dritten, und wieder setzt sie sich mit ihrer eigenen Biografie auseinander. In "Kalkutta" reist sie zurück in ihre Heimatstadt. Ihr Vater ist tot, die in Paris lebende junge Frau fliegt zur Einäscherung. Und dann lässt sie sich vom Inventar der elterlichen Wohnung mitreißen in einen Strom von Erinnerungen. Das ist kulturgeschichtlich dort interessant, wo sie über die eigenen, subjektiven, Befindlichkeiten hinauskommt. Wo sie erzählt, wie sich das Leben in den 1970er Jahren aus der alten Zeit in die Senkrechte erhob: wie Speisen nicht mehr in großer Runde im Lotossitz am Boden zubereitet wurden, wie Tische und Stühle Einzug hielten in die Häuser und viel mehr Rituale verdrängten als bloß die alltägliche Teilhabe von Tieren. Westbengalen ging politisch einen eigenen - kommunistischen - Weg, abgeschnitten vom restlichen Indien. Sinhas Vater wandte sich nach einem Attentat vom Kommunismus ab. Mit Sorge und Abscheu nahm er den wachsenden religiösen Fanatismus im Land wahr, Wünsche von Hindus beispielsweise, einen vor Jahrhunderten von Moslems zerstörten Tempel wiederzuerrichten. Daneben schweifen die Gedanken ab bis in eine diffuse mythische Vergangenheit. Sinha erzählt nicht chronologisch - es ist eher eine Bildergalerie, die sie dem Leser eröffnet. Ihre Bilder: wuchtig, originell, poetisch - vorzüglich ins Deutsche gebracht von der aus Trier stammenden Übersetzerin Lena Müller. Aber sie sind nicht immer leicht verständlich. Um den Faden zu halten, liest man die 190 Seiten am besten in einem Stück. Anne Heucher Shumona Sinha, Kalkutta, Roman. Aus dem Französischen von Lena Müller, Edition Nautilus 2016, 192 Seiten, 19,90 Euro.

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