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Aufstand gegen eine Welt der Zwänge

TRIER. Als bedrückendes Seelendrama kommt Leos Janáceks Oper Katja Kabanova im Trierer Theater über die Bühne. Bei der Premiere erntete die neue Produktion Respekt, aber keinen Enthusiasmus. ARRAY(0x128a8c50)

Das russische Wolga-Dorf liegt an der Autobahn. Jedenfalls zeigt Thomas Armsters Bühnenbild eine Art Schnellstraßen-Unterführung aus Beton, von der sich die in fein gestuften Grautönen gehaltenen Kostüme (Carola Vollath) nur mühsam abheben. Die Szene wird dominiert von einer mächtigen Treppe, die zum Fluss hin führt, den man im Hintergrund nur ahnen kann. Zumindest optisch, denn akustisch ist die Wolga in den faszinierenden Klangwogen des Orchesters immer präsent, mal ruhig fließend, mal mächtig brausend, atmosphärisch fein ausgeleuchtet. István Dénes' Truppe spielt die kriminell komplizierte Partitur, als wolle man alle Empfehlungen des Landesrechnungshofs, das Trierer Orchester herunterzustufen, an einem einzigen Abend pulverisieren. Präzise, konzentriert, lautmalerisch, treibend, spannungsgeladen, ja explosiv: Wer immer vorher gesagt hat, Janácek werde ein kleines Haus wie Trier musikalisch überfordern - und das sind nicht wenige -, muss sich eines Besseren belehren lassen. So wird die Musik einziger Trä- ger eines äußeren Handlungsablaufs, den die Regie konsequent verweigert. Bruno Klimeks Inszenierung konzentriert sich ganz auf die Innenwelten seiner Akteure. Die junge, freiheitsliebende Katja Kabanova und ihr tödlich endendes Aufbegehren gegen eine Welt der Zwänge, die sich nie erklärt, aber stets be- drückend präsent ist: Nur darum geht es. Alles andere ist eliminiert, vor allem die gesellschaftlichen Konflikte zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, aufgeschlossen und reaktionär, die bei Janácek zumindest als Lokalkolorit aufscheinen. Da ist eine psychopathische Schwiegermutter, ein emotional verkümmerter Sohn und Ehemann, ein Geliebter, der sich aus der Abhängigkeit von seinem Onkel nicht lösen kann, eine Freundin, die leichten Herzens alle die Dinge tut, die Katja in furchtbare Gewissensnöte stürzen. Und mittendrin die Titelfigur, die im Strudel ihrer Träume, Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen untergeht, und zwar nicht erst, wenn sie sich am Ende in den Fluss stürzt. Das alles lässt Klimek in schmerzhafter Genauigkeit ablaufen, und er holt aus dem Trierer Ensemble darstellerische Qualitäten heraus, die andere Regisseure um Welten verfehlen. Noch nie hat man Vera Wenkert so kompromisslos in einer Rolle aufgehen sehen, jenseits aller abgegriffenen Opern-Theatralik, dabei nicht nur die Figur meisternd, sondern auch eine höchst schwierige gesangliche Aufgabe. Liegend, kauernd, teilweise mit dem Rücken zum Publikum beweist sie, dass man bedingungslos spielen kann, ohne dabei auch nur einen Moment lang die musikalische Linie zu verlieren. Auch den anderen Akteuren, allen voran Angelika Schmid als Schwiegermutter Kabanicha und Eva-Maria Günschmann als Freundin Varvara, gelingen echte Rollenporträts, kleine, feine psychologische Studien. Selbst Gor Arsenian als Geliebter Boris tut, was er noch als König im "Maskenball" konsequent mied: Er nimmt eine Rolle an, spielt, gestaltet, fügt sich ein in ein Konzept. Die Filigranarbeit des Regisseurs an der Personengestaltung hat aber auch eine Kehrseite. Alles an gegenständlicher Rahmenhandlung, was das Verständnis des Zuschauers fördern könnte, fehlt. Der Kirchgang ist kein Kirchgang, das Gewitter kein Gewitter, der Fluss kein Fluss. Alles verschwimmt im tristen Grau der Autobahnunterführung. Das wäre verkraftbar, könnte sogar spannend sein, käme nicht hinzu, dass die Textverständlichkeit in weiten Teilen außerhalb des messbaren Bereichs liegt. Es geht auch anders, wie die Tenöre Peter Koppelmann (Ehemann Tichon) und Eric Rieger (Lehrer Kudrjasch) zeigen, die trotz ihrer nicht übermäßig voluminösen Stimmen präzise artikulieren - und übrigens auch prägnant agieren. Aber jenseits solcher Ausnahmen und der Titelrolle ist über weite Strecken kein einziges Wort zu verstehen, bei Juri Zinovenko (Kaufmann Dikoj) etwa weiß man bis zum Ende nicht genau, ob er im tschechischen Original oder auf Deutsch singt.Der Zuschauer im Theatersaal - ratlos

Wenn aber weder begleitende Handlungselemente noch Sprache dem Zuschauer helfen, zu kapieren, wer eigentlich wer ist und warum er was tut, dann ist die Gefahr groß, dass das Stück irgendwann am Publikum vorbei plätschert, statt seine Wirkung zu entfalten. Wer daheim nicht gründlich den Opernführer zu Rate gezogen hat oder früh genug da war, um das informative Programmheft zu studieren, sitzt ziemlich ratlos im Theatersaal. Eine Pause, in der man Gelegenheit hätte, zu reflektieren und Informationen auszutauschen, findet nicht statt. Und so läuft diese außerordentlich spannende, musikalisch umwerfende, in Trier künstlerisch hoch verdichtete Oper ein bisschen ins Leere. Wer sich gegen Ende im Saal umschaut, ahnt mehr Gähnen als Gänsehaut. Der Schlussbeifall ist freundlich, man spürt Anerkennung, vor allem für Vera Wenkert. Niemand ist sauer oder unzufrieden, aber so richtig aufgewühlt hat die Tragödie auch keinen. Eigentlich schade. Die nächsten Aufführungen: 25. und 28. Dezember, 7., 22. und 29. Januar; Karten: 0651/7181818.