Auftritt im Theater Trier: Konstantin Wecker lässt vier Musiker-Jahrzehnte Revue passieren

Trier · Eine Zeitreise durch die vier Jahrzehnte, in denen er als Liedermacher und Poet das Leben besang, für Ideale kämpfte und Menschen wach rüttelte, hat Konstantin Wecker im ausverkauften Theater Trier unternommen. Mit seiner Band lieferte er einen grandiosen, mehr als dreistündigen Auftritt. Mit seiner Energie riss er die mehr als 600 Besucher aus den Sitzen.

Um es gleich vorauszuschicken: Diesem Abend mit Konstantin Wecker können in ein paar Zeitungszeilen gepresste Worte nicht wirklich gerecht werden. Zu dürr erscheint jede Formulierung, um seine emotionale Wucht, seine aufrüttelnde Leidenschaft, seinen Gehalt an Poesie, Weisheit und Witz wiederzugeben. Schließlich geht es im Programm "40 Jahre Wahnsinn" auch um ein Lebenswerk, verknüpft nicht nur mit einer Künstlerbiografie, sondern mit Zeitgeschichte und Erfahrungen einer ganzen Generation.

Wecker eröffnet solo mit "Willy", der Ballade von 1977 um einen von Neonazis erschlagenen Freund. Sie stehe am Anfang, weil sie ihm den Durchbruch als politischer Liedermacher beschert habe, erklärt der 67-Jährige. Und er wolle jetzt endlich die "Katze aus dem Sack" lassen, tatsächlich lebe Willy noch. Dieser Beichte folgt ein Exkurs über Wahrhaftigkeit, der mit viel Selbstironie eigene Lebenslügen streift. Wecker erzählt, wie er seine Großmannssucht im Nerzmantel als Möchtegern-Macho auslebte oder im protzigen Amischlitten bei politischen Kundgebungen vorfuhr. Auch seine Gefängnisaufenthalte wegen Schlüsseldiebstahls und Drogenbesitzes bringt er zur Sprache.

Sein Vater habe dennoch an ihn und seine Anlagen geglaubt: "Zwischen Künstler und Verbrecher ist nur ein ganz kleiner Unterschied, du aber taugst nicht zum Verbrecher." Damit hat der Vater Recht behalten. Wecker bringt es in Zeilen eines später folgenden Liedes selbst auf den Punkt: "Das mag ich so an Bäumen, was sie im Frühjahr versprechen, verteilen sie im Herbst als Früchte."

Nur die persönlichsten Lieder

Der "Baum" Wecker, der in der Friedensbewegung der 1980er Jahre Triebkraft aus Bekanntschaften mit Harry Belafonte, Miriam Makeba, Mercedes Sosa oder Heinrich Böll schöpfte, verteilt sie an diesem Abend reichlich. Es sind seine Lieder, reif, drall, saftig, energiespendend, manchmal mit bitterem Beigeschmack oder hartem Kern. Ausgesucht hat er seine schönsten, kraftvollsten, persönlichsten und politischsten, unter anderem "Weiße Rose", "Die feine Gesellschaft", "Werde ganz", "Liebeslied" oder "Was mir der Wind erzählt".

Mit seiner neuen kreativen Cellistin Fanny Kammerlander und den beiden Multi-Instrumentalisten Jo Barnikel und Jens Fischer Rodrian packt Wecker sie in frische, hochklassige Arrangements. Sie klingen mal nach Kurt Weill, kommen als swingende Jazznummern, fetziger Blues, Rap oder fast klassische Kammermusik daher.

Weckers Stimme und Performance strotzen nach wie vor von Kraft. Und doch verhehlt der Sänger nicht, dass er sich bewusst ist, im Herbst seines Lebens zu stehen. In einem neuen, sehr berührenden Gedicht, thematisiert er die Vergänglichkeit und seine Angst davor. Aber auch hier bricht sich wieder die für ihn so typische Lebensbejahung Bahn.
Als markantes Ausrufezeichen zum Schluss setzt er eine Vision, wie er sich das Leben wünscht, das er noch leben will, denn "Träume sind subversiver als politische Ideologien". Inspiriert von Martin Luther King singt er von seinem Traum einer Welt der offenen Grenzen, in der wir unseren Überfluss mit den Ärmsten teilen. Da gibt es im ohnehin schon bewegten Publikum kein Halten mehr, die Leute springen auf.

Wieder hat es der charismatische Künstler geschafft, an ihren Mut zu appellieren, an eigene Utopien zu glauben und jeden Augenblick des Lebens bewusst auszukosten. Während des gut halbstündigen Zugabenblocks herrschte Feierstimmung.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort