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Aus der Anstalt auf die grüne Wiese

Steffen Popp interpretiert die „Physiker“ neu. TV-Foto: Maren Meissner
Steffen Popp interpretiert die „Physiker“ neu. TV-Foto: Maren Meissner
Trier. Wie inszeniert man eine Komödie aus dem Jahr 1962, so dass sie nichts an Brisanz verliert? Es geht um drei vermeintlich verrückte Physiker. Regisseur Steffen Popp wagt am Trierer Theater den Versuch, ein Stück des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt jenseits des "Zwangs zur Aktualisierung" zu interpretieren. Maren Meißner

Trier. 8.30 Uhr, Theater Trier, Bühneneingang. Noch etwas müde bittet Steffen Popp hinunter in den renovierungsbedürftigen Proberaum, der mit zwei wackligen Stühle, und einem blauen Tisch ausgestattet ist. "Wir spielen nicht nur Dürrenmatt", sagt er, "wir wollen den Blick viel weiter öffnen".
Der Regisseur, der seit vielen Jahren mit dem Trierer Theater verbunden ist (siehe Extra), und sein Ensemble proben seit Mitte Januar täglich Friedrich Dürrenmatts Komödie "Die Physiker", die am 3. März Premiere hat. Das Stück ist eines der meistaufgeführten Werke des deutschen Nachkriegstheaters. Die großen Themen arrangiert Dürrenmatt als bizarre Komödie in einer Nervenheilanstalt in der Schweiz, in der drei vermeintlich verrückte Physiker nacheinander drei Krankenschwestern ermorden, weil sie fürchten, ihr Wissen um die Weltformel könne die ganze Menschheit gefährden (siehe Extra). Es geht um die Angst vor dem Fortschritt, vor der Kernphysik, vor der Macht eines Einzelnen über die gesamte Gesellschaft - nicht gerade die Themen, mit denen man im Jahr 2012 das Publikum ins Theater locken kann.
"Das Stück ist heute aktueller denn je", widerspricht Steffen Popp. Die Müdigkeit ist verflogen. "Die zentrale Frage ist doch auch heute noch: Wollen wir alles machen, was wir machen können?"
Was in Dürrenmatts Stück oft witzig bis grotesk daherkommt, folgt streng seiner Dramentheorie, die er in den "21 Punkten zu den Physikern" formuliert hat. Darin heißt es: "Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen", und: "Was alle angeht, können nur alle lösen".
Diese beiden Punkte bilden den Grundstein von Steffen Popps Inszenierung. "Wir sind alle längst Teil kollektiver Experimente", sagt er. Er redet über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, die man zu sich nimmt, ohne es zu wissen, dann über die Veränderung des Privaten durch soziale Netzwerke und das Spiel mit der eigenen Identität im Internetzeitalter.
In all diesen Bereichen sei es auch heute unmöglich, die Lösung der Probleme in die Hände Einzelner zu legen. "Heute kann sich niemand, auch kein Wissenschaftler, zurückziehen und alleine vor sich hinarbeiten", sagt Steffen Popp.
Natürlich, räumt er ein, wirke der Schauplatz von Dürrenmatts Original 50 Jahre nach der ersten Aufführung etwas antiquiert. Deshalb hat er die Physiker einigen Veränderungen unterzogen, ohne sich dem "Zwang zur Aktualisierung" zu unterwerfen, wie er sagt. Seine Schauspieler agieren auf der grünen Wiese, nicht in der Anstalt. Es tauchen Handys und Überwachungskameras auf. Gleichzeitig wird der Text fast komplett so gespielt, wie Dürrenmatt ihn geschrieben hat, auch der Kleidungsstil ist dem Entstehungsjahr angepasst. Ein Kompromiss? "Nein, all meine Veränderungen sind im Stück schon angelegt. Ich drehe die Schraube nur weiter."
Premiere: 3. März, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 6.3., 9.3., 16.3., 17.3., 21.3., 25.3., 31.3., 22.4. Info: www.theater-trier.de
Extra

Die Physiker 1962 in Zürich uraufgeführt, avancierten die Physiker zu einem der bekanntesten deutschen Bühnenstücke. Die Handlung: In einer Schweizer Heilanstalt werden drei Krankenschwestern ermordet. Die Täter: drei geisteskranke Physiker. Der erste hält sich für Albert Einstein, der zweite für Isaac Newton, und Johann Wilhelm Möbius behauptet, ihm erscheine der König Salomo, der ihm die Weltformel offenbart habe. Tatsächlich ist Möbius genauso wenig verrückt wie seine Mitinsassen, und die Weltformel hat er längst gefunden. Was er nicht weiß: Sie ist bereits in die falschen Hände geraten. mem Steffen Popp Steffen Lars Popp, Jahrgang 1976, hat Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert. 2004 bis 2008 war er Regieassistent und später Regisseur am Trierer Theater und inszenierte unter anderem Kälte von Lars Norén, Womanbomb von Ivana Sajko, Superflex von Lars und Verbrennungen von Wajdi Mouawad. Als Lars Popp arbeitet er auch als Autor. mem