Aus der Anstalt gibt es kein Entkommen

Aus der Anstalt gibt es kein Entkommen

Gallig, provokant, befreiend: 2000 Fans in der ausverkauften Europahalle in Trier haben sich über den aufgebrachten Urban Priol und seine Tiraden über konturlose Staatsvertreter vor Lachengeschüttelt.

Trier. In der Bundesrepublik werden Wahlen und Umfrageergebnisse dreist gefälscht, es muss einfach so sein: Beim Auftritt von Urban Priol vor ausverkaufter Europahalle in Trier wird das heftige Dauerfeuer auf Sarrazin und Wulff, Westerwelle und, immer wieder, "Mutti" Merkel jedenfalls von Anfang an derart lautstark von Lachern und Applaus begleitet, dass es unvorstellbar scheint, auch nur einer der rund 2000 Zuschauer könne je einem biologistischen Hetzer oder einer "gefühlten Staatsratsvorsitzenden" zugestimmt haben.

"Wie im Film" heißt das aktuelle Soloprogramm, mit dem der 49-jährige Aschaffenburger derzeit tourt und in dem er in atemlosem Tempo zu Mutti und der Welt referiert, ruhelos wie ein eingesperrter Panther - und ebenso bissig: Zum Rücktritt von Horst Köhler sinniert er: "Ein Glück, dass der Filbinger nicht mehr lebt", denn wie der mit Deserteuren umgegangen sei, sei ja bekannt. Köhler war schon in der ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt" stets ein Lieblingsziel für Priols fiese Attacken. Aber vielleicht vermisst er ihn ja jetzt schon, wo mit Christian Wulff der Präsidentensitz noch substanzloser gefüllt sei: "Gegen den ist eine Teflonpfanne ein Reibeisen", stellt Priol fest, bevor er sich, wie alle paar Gags, wieder Angela Merkel zuwendet, "die als Physikerin weiß, wie man spaltet": Ihr unterstellt er, wie eigentlich allen Politikern zumindest aus der Führungsriege, nichts als den völlig charakterlosen Instinkt zur Machterhaltung gepaart mit einer geradezu beleidigenden Einfallslosigkeit: "Die geben sich nicht mal mehr Mühe, wenn sie uns verarschen", empört sich Priol zwischen den Schlucken aus seinem alkoholfreien Hefeweizen und schüttelt die Beispiele nur so aus dem Ärmel: Wirtschaftskrise, Schweinegrippe, Atomkompromiss - stets hätten Banken, Pharmaindustrie und Energiekonzerne widerstandslos ihre Ziele erreicht und dafür nur unverbindliche Selbstverpflichtungen abgeben müssen.

Zigmal formt Priol dann seine Hände zur Merkel'schen "Raute der Macht", verkündet mit herabgezogenen Mundwinkeln, das sei alles "alternativlos" und watschelt vor den imaginären Kameras davon.

Fast schmerzt es ein wenig, dass so wenige Mittel schon zur perfekten Karikatur ausreichen. Dabei hält Priol glücklicherweise immer Abstand zur großen Masse seiner Kollegen, die ihr Programm vor allem mit Grimassen füllen: Sein definitiv vorhandenes Talent als Stimmenimitator setzt er nur selten, dafür dann aber umso pointierter, ein.

Nein, mit affektierten Mätzchen kann Priol sich nicht lange aufhalten, dafür gibt es viel zu viele Themen, die abgearbeitet werden müssen, ob kirchlicher Missbrauchsskandal ("Alte Männer in Frauenkleidern waren mir schon immer suspekt!"), die immergleich falschliegenden ,Wirtschaftsweisen' ("Hans-Werner Sinn sieht aus wie Kapitän Ahab, aber wo ist nur der Wal?") oder, noch mal, "Mutti", die "in blutleerer Bräsigkeit das Land ins Koma regiert".

Sein Publikum entlässt Priol erst nach drei quirligen, gewitzten Stunden ins "pulsierende Trierer Nachtleben" - mit einem Huxley-Zitat: "Vielleicht ist diese Welt nur die Hölle eines anderen Planeten."

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