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Aus der Masse ins Scheinwerferlicht

Schauspielerin Céline Horn (liegend) und Tänzer Alister Noblet schlüpfen in die Rolle von Fares Khalaf. TV-Foto: Mechthild Schneiders
Schauspielerin Céline Horn (liegend) und Tänzer Alister Noblet schlüpfen in die Rolle von Fares Khalaf. TV-Foto: Mechthild Schneiders FOTO: mechi (wh_whoch
Trier. Erzählung, Schauspiel und Tanz: Kooperationsprojekt "Under your Skin" bringt Einzelschicksale von Geflüchteten auf die Bühne. Mechthild Schneiders

Für Hadi Fazly ist die Zukunft rosig. 21 Jahre ist er alt, hat gerade sein Jurastudium beendet und nimmt einen guten Job als Vermittler und Dolmetscher beim Militär an. Doch Fazlys Glück währt nicht lange. Er ist Afghane, stammt aus einem Land, in dem die Sicherheitslage prekär ist.

Bald bekommt er Anrufe - von den Taliban. Erst freundlich, dann fordernd, zuletzt drohend. Als ihm ein Mord vorgeworfen wird, flieht Fazly mit gefälschtem Pass - die Miliz im Nacken. Fazly ist einer von Hundertausenden Menschen, die in den vergangenen Jahren aus ihrer Heimat geflohen und in Deutschland Unterschlupf gefunden haben. "Die Geflüchteten werden von uns als Masse wahrgenommen", sagt Alister Noblet, Choreograph und Artistic Director der Noblet Dance Company in Trier, "nicht als Individuen."

Aus dieser Überlegung heraus entstand die Idee, sich mit den Menschen zu treffen. "Meine Frau Ayumi und ich wollten ihre persönliche Geschichte erfahren und diese mit unserer Company als Tanzproduktion auf die Bühne bringen", sagt Noblet.

Als er Marc-Bernhard Gleißner, Vorsitzender der Vereine Tanz-Kultur und Kreuz & Quer, davon erzählte, habe dieser vorgeschlagen, ein gemeinsames Projekt mit Schauspielern seines Ensembles zu entwickeln. Und so erzählen im Tanztheaterstück "Under your Skin", das am Freitag, 3. März, 19.30 Uhr, Premiere in der Trierer Tuchfabrik feiert, sechs junge Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien ihre Erlebnisse - in ihrer Muttersprache. Vier Schauspieler "übersetzen" die Texte szenisch. "Wir Tänzer verdeutlichen die Gefühle der Geflüchteten", sagt Choreograph Noblet, "zeigen, was in ihrem Inneren vorgeht." Die Herausforderung sei, Erzählung und Bewegung zusammenzubringen.

Fazly spricht erst ruhig, dann immer aufgebrachter. Zugleich bedrängen ihn vier Schauspieler rücken immer näher an ihn heran. "Soll ich weinen?", fragt er. "Wenn dich die Situation zum Weinen bringt, dann weine. Wenn du auf Farsi sprichst, musst du mit noch mehr Gefühl reden, damit die Zuschauer dich verstehen." Ali Sheikhmous gibt seinen Akteuren wenige, aber klare Anweisungen.

"Under your Skin" ist die erste Regiearbeit des 24-Jährigen. "Die Idee war, dass einer der Geflüchteten die Regie übernimmt, weil unsere Erlebnisse dargestellt werden." Der Syrer, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt, hat bereits in verschiedenen Produktionen, unter anderem in "Odyssee.16", als Schauspieler mitgewirkt. Auch in "Under your Skin" steht Sheikhmous auf der Bühne, berichtet von seinem Leben in seiner Heimat, von den Repressalien, die er als Kurde erfahren musste.

Auch seine Geschichte "übersetzen" ein Schauspieler und ein Tänzer. Die Proben zum Stück laufen seit Januar. Fares Khalaf, der ebenfalls in "Odyssee.16" mitgewirkt hat, ist erst später zum Ensemble gestoßen. Intensiv arbeitet Sheikhmous mit dem 30-Jährigen, der Schauspielerin Céline Horn und Noblet, die die Gefühle und Gedanken von Khalaf während seiner Flucht tänzerisch umsetzen.

Premiere ist am Freitag, 3. März, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 4. und 12. März, 19.30 Uhr; 12. April, 20 Uhr.

Regisseur Ali Sheikhmous (rechts) gibt Fares Khalaf Anweisung, wo er sein Notizbuch liegen lassen soll. TV-Foto: Mechthild Schneiders
Regisseur Ali Sheikhmous (rechts) gibt Fares Khalaf Anweisung, wo er sein Notizbuch liegen lassen soll. TV-Foto: Mechthild Schneiders FOTO: Mechthild Schneiders