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Aus Leidenschaft politisch unkorrekt

Aus Leidenschaft politisch unkorrekt

Er war ein Virtuose der Provokation, ein visionärer Fernsehmacher und ein "Typ", wie man ihn heute vergeblich sucht: Wolfgang Menge. Eine Bildschirm-Legende, unbequem, bissig, prägnant, kahlköpfig. Im Alter von 88 Jahren ist der Journalist, Autor und Produzent in Berlin gestorben.

Doch, das gab es mal: Fernsehen, das die Nation bewegte. Sendungen, über die jeder diskutierte. Aufruhr im Wohnzimmer. Parlamentsanfragen. Wutausbrüche. Kollektive Begeisterung. Panik.
Wenn es so war, dann hatte oft Wolfgang Menge seine Hand im Spiel. Das erste Mal rockte er die Deutschen, als er 1970 zur besten Sendezeit am Sonntagabend im "Millionenspiel" einen Spiel-Kandidaten wettkampfmäßig zu Tode hetzen ließ - aufgemacht wie eine perfekte Fernseh-Show, mit Dieter Thomas Heck als Moderator. Das Publikum nahm\'s für bare Münze, manche protestierten, andere wollten mitspielen. Und Menge hatte die Phänomene Quotenwahn und Sensationsgier auf die Tagesordnung gesetzt - Jahre vor der Einführung des Privatfernsehens.
Drei Jahre später stürzte er das Land mit dem als Live-Nachrichtensendung aufgezogenen Fernsehspiel "Smog" (Regie: Wolfgang Petersen) in eine fiktive, täuschend echt inszenierte Umweltkatastrophe. Es gab die größte Wallung, seit dermaleinst Orson Welles im US-Rundfunk eine Invasion von Außerirdischen fingiert hatte. Das Thema "Umwelt" kam auf der Agenda - Jahre vor der Gründung der Grünen.
Sein größter Erfolg war fraglos "Ein Herz und eine Seele", die Komödie um "Ekel Alfred", Menges herzerfrischend-sarkastisches Abbild des dumpfen deutschen Reaktionärs. Ein sympathischer Unsympath, so genial wie widerlich, der personifizierte Kontrapunkt zum herrschenden Nach-68er-Zeitgeist - und eine Figur, wie sie nur Menge schaffen konnte, bekennender Linker einerseits, bekennender Macho andererseits, berechenbar nur in seiner Lust an der politischen Unkorrektheit. So wie der Tatort-Kommissar Kressin, den er erfand, ein früher Bruder im Geiste seines Kollegen Schimanski.
Als Gastgeber bei "3nach9", der Urmutter aller Talkrunden, versetzte er Gäste mit seiner Galligkeit bisweilen in Angst und Schrecken. Durchdringender Blick, Hang zur Polemik, scharfer Verstand: Wer die alten "Classics" im Dritten anschaut, merkt nach wenigen Minuten, dass diese kritische, bissige Debatte mit dem weichgespülten Gesülz von heute außer dem Namen nicht das Geringste gemein hat.
Er hätte noch gerne einen Thriller über die Banken- und Finanzwelt geschrieben, doch nach einem Schlaganfall im Jahr 2007 konnte er nicht mehr wie gewohnt arbeiten. In den letzten Jahren lebte er abwechselnd in Berlin und auf Sylt.Extra

Der 1924 in Berlin geborene Wolfgang Menge, Sohn eines Studienrats, war nach dem Krieg zunächst Journalist, ging als Zeitungsreporter nach Asien. Als erster deutscher Journalist fuhr er mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau. Ab 1958 entwickelte er mit Jürgen Roland die Krimireihe "Stahlnetz", 1964 skizzierte sein Film "Polizeirevier Davidswache den Alltag von Streifenpolizisten auf St. Pauli.