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Ausstellung im km9: Nelly Stockburger porträtiert Anarchisten

Trier : Keine Macht den Hierarchien

Der Trierer Kunstraum km9 erinnert an führende Gestalten des Anarchismus.

Sie schauen aus historischer Ferne den Betrachter an und sind doch bemerkenswert nah. Mit Empathie und ausgesprochen lebendig hat Nelly Stockburger eine Reihe Anarchistinnen und Anarchisten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts porträtiert. Derzeit sind die realistischen Gemälde im Trierer KM 9  innerhalb der Ausstellung „Augenblicke mit Vergessenen“ zu sehen. „Man soll meinen Bildern meine Menschenliebe ansehen“, bestätigt die Malerin und studierte Psychologin. Sie selbst war in den 70er Jahren in Trier Mitglied einer Kommune.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Jessica und ihrem ehemaligen Partner hat sie die Ausstellung einschließlich Begleittexten und -programm realisiert. Die Idee einer anarchischen sprich hierarchiefreien Gesellschaft geht bis auf die Antike zurück. Eine neue Hoch-Zeit erlebte sie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, lebte in der Studentenbewegung der 68er auf und entwickelt bis heute immer neue Modelle. Es sind unverändert aktuelle Ziele, die sich die Anarchisten auf ihre Fahnen geschrieben haben – wie Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Frauenrechte, Pazifismus. Aber auch Umwelt-und Tierschutz gehören dazu. Unterschiedlich bleiben in der anarchistischen Ideenwelt allerdings die Vorstellungen, wie man die gesellschaftlichen Veränderungen erreichen kann und wie die anarchistische Gesellschaft in ihrer Binnenstruktur organisiert werden soll.

Eine der legendären Gestalten der anarchistischen Bewegung ist der hier gezeigte Italiener Enrico Malatesta. Der Sohn einer aristokratischen Gutsbesitzerfamilie war gebildet und hatte ein Medizinstudium begonnen. Schon früh zeigt sich seine soziale Sensibilität. Der 14-jährige schreibt einen Brief an den König, in dem er sich über Behördenwillkür  beklagt. Ein paar Jahre später muss er wegen der Teilnahme an einer Demonstration  die Universität verlassen. Hinfort widmet er sich der „Sozialen Revolution“. Zum Schlüsselerlebnis wird ihm die Begegnung mit dem russischen Adeligen Michail Bakunin, dem Begründer des „kollektiven Anarchismus“, ein Gesellschaftsmodell, in dem die Produktionsmittel kollektives Eigentum sind. Der weltläufige Malatesta wird zu einem führenden Vertreter der Bewegung, Anders als der „kommunistische Anarchismus“, hier vertreten durch Rosa Luxemburg und den adligen russischen Geografen  Peter Kropotkin, lehnt Malatesta Gewalt zur Durchsetzung gesellschaftlicher Umbrüche ab.

Zu den eindrücklichsten hier gezeigten Frauengestalten des Anarchismus gehören die  Feministinnen und Pazifistinnen Emma Goldman und die früh verstorbene Niederländerin Clara Wichmann. Eine hochinteressante Persönlichkeit der Trierer Schau ist zudem der Münchner Schriftsteller Gustav Landauer, der mit seinem „sozialen  Anarchismus“ einen Ausgleich zwischen den Interessen des Individuums und einer als Kollektiv organisierten Gesellschaft sucht. Landauer wurde 1919 in der Haft ermordet. Eingang in die Literaturgeschichte fand die schon zu Lebzeiten berühmte Louise Michel, die als Anarchistin am Aufstand der Pariser Kommune 1871 teilnahm und der Frankreichs sozialkritischer Schriftsteller Victor Hugo ein Gedicht widmete. Überhaupt verbinden sich mit den Trierer Porträts ausgesprochen spannende und mutige Biografien. Wie die ganze Ausstellung äußerst anregend und unbedingt sehenswert  ist. „Auch ich habe sehr viel Neues bei meiner Arbeit an den Bildern gelernt“, bestätigt Stockburger. Nach Trier soll die Ausstellung wandern und interaktiv mit neuen Beiträgen erweitert werden.

Bis 20.6., Di u. Do 11-19 Uhr, Sa 11-15 Uhr und nach Vereinbarung, www.km9-trier.de