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Ausstellung „IN TRANSFER – A New Condition“ in der Möllerei in Esch-Belval

Ausstellung in der Möllerei in Esch-Belval : Baum-Freunde und Smartphones, die einen Stau verursachen

Die Ausstellung „IN TRANSFER – A New Condition“ in der Möllerei in Esch-Belval geht die großen Probleme der Zeit gleichermaßen erhellend wie künstlerisch überzeugend an. Die hochinteressante internationale Schau ist ein Beitrag zum Kulturjahr Esch22.

Dass nichts bleibt wie es war, ist nicht erst eine Erkenntnis unserer Tage, in denen sich die Welt rasant zu verändern scheint. „Alles bleibt im Fluss“, erkannte schon der altgriechische Philosoph Heraklit vor über zweieinhalbtausend Jahren.

Mit den Möglichkeiten und der Notwendigkeit von Veränderung setzt sich auch die dritte große Ausstellung in der Möllerei in Esch/Belval im Rahmen des Kulturjahrs Esch22 auseinander. „Welche Themen sind es, die gegenwärtig als Gesellschaft zur Veränderung zwingen, und welche sind es, die dringend Veränderungsbedarf haben?“, fragt die Schau mit dem Titel „IN TRANSFER  – A New Condition“.

Veränderung und Neuausrichtung sind überhaupt das zentrale Thema des Escher Kulturjahrs. Das kommt nicht von ungefähr. Wurde doch mit dem Niedergang der Stahlindustrie in der südlichen Luxemburger Region der roten eisenerzhaltigen Erde eine Umorientierung unerlässlich. Das einstige Eisenhüttenquartier Belval mit seinen Industriedenkmälern, das sich inzwischen zum Wissenschafts- und Unternehmensstandort entwickelt hat, ist ein markantes Zeichen für den erfolgreich vollzogenen Wandel.

Zu den konvertierten Industrieorten im Viertel gehört die Möllerei der ehemaligen Eisenhütte. Wo einst Erz und Koks lagerten, wird jetzt Kunst präsentiert. „Mit unserem Kunstangebot wollen wir die Möllerei mit neuem Sinn versehen“, erklärt Françoise Poos, die Direktorin des Kulturprogramms Esch22. Dabei folgt das Programm des Kulturjahrs für die restaurierte Industriebrache einer unbedingt schlüssigen Idee. Was hier an Kunst geboten wird, verweist mit zeitgenössischen Mitteln auf die Herkunft des Baus aus der Industriekultur und schlägt die Brücke zwischen alten und neuen Technologien. Im Klartext: In der Möllerei wird internationale elektronische und digitale Kunst präsentiert. Und das von internationalen ersten Adressen.

Umweltzerstörung im Fokus Waren bei den beiden vorigen Ausstellungen nacheinander das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe und das Baseler Haus der Elektronischen Künste (HEK) mit im Boot, so wurde diesmal Martin Honzik, der Direktor des Linzer Festivals „Ars electronica“, als Kurator verpflichtet.

Einmal mehr setzt sich die Ausstellung mit den großen Herausforderungen der Gegenwart auseinander wie Klimawandel, Umweltzerstörung oder den Folgen eines hemmungslosen Wachstums in der postkapitalistischen Gesellschaft. Es geht im digitalen Zeitalter, selbstredend auch um die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalität, um Roboter, Schwarmintelligenz und künstliche Intelligenz kurz KI.

„Was kann künstliche Intelligenz leisten?“ lautet die hoffnungsvolle wie bange Frage. Letztlich nur das, was menschliche Intelligenz programmiert, wird man einmal mehr zum Ende seines Ausstellungsbesuchs erfahren haben.

Da es sich in der Möllerei nicht um ein wissenschaftliches Seminar, sondern um eine Kunstausstellung handelt, stellt sich unvermeidlich die Frage, was Kunst zur Bewältigung all dieser Probleme beitragen kann. Auch hier ist die Antwort offensichtlich. Neuerlich zeigt sich: Kunst ermöglicht über die ästhetische Aneignung neue Sichtweisen und Erfahrungen und schafft so Reflektionsräume.

Als ganzheitliche Erfahrung von Geist und Sinnen wollen die Ausstellungsmacher das Veränderungspotential der Besucher aktivieren. „Wir wollen alles bieten, was an sinnlichen Erfahrungen die Welt in Gang hält, Sehen, Hören, Riechen und die Freude am Spiel“, sagt Honzik. Tatsächlich ist das Angebot daran groß im mächtigen Bau der alten Industriekathedrale, die in ihrer Düsternis durchaus etwas von einem Verlies hat und schon an sich ein grandioser Ort ist.

Videos und Installationen Spannende 19 meist junge Positionen versammelt die Ausstellung, in der sich Fantasie und Wissenschaft bildgebend verbinden. Gezeigt werden vor allem Videos und Installationen. Gleich eingangs gibt es in den Erdproben der niederländisch-russischen Mathematikerin masharu, die sich als „Earth-Eater“ (Erdesserin) bezeichnet, die Vielfalt des Geschmacks von Erde als Nährboden des Lebens zu kosten. Wem solche Erdkulinarik nicht liegt, kann sich die Proben auch in masharus „Museum of edible Earth“ anschauen.

Science Fiction, Wissenschaft und digitale Technik treffen sich im fiktiven Umweltmanager des Projekts „Asunder“ des Künstlerkollektivs Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölén.

Zwischen Realität und Surrealität bewegt sich die Landschaftsmalerei der Italienerin Quayola, in der das traditionelle Genre mit aktuellen Mitteln interpretiert wird.

„Mein Freund der Baum“, sang einst Alexandra. Ihre Freundschaft zum Baum und damit zur Natur vertiefen können in Esch Betrachter im interaktiven Projekt „One Tree ID – How To Become A Tree For Another Tree“ (wie man ein Baum für einen anderen Baum wird) von Agnes Meyer-Brandis. Wer will kann sich mit dem spezifischen Duft der ausgestellten japanischen Lärche parfümieren und sich so dem Baum gegenüber als Artgenosse ausweisen.

Gegen die Ausbeutung der Natur durch Gentechnik am Beispiel der Seidenherstellung wendet sich die Installation „Modified Paradise:Dress“ des japanischen Künstlerduos Hiro Ozaki und Masaya Kushino.

Zur Entmystifizierung der KI trägt verdienstvoll das Projekt „A People’s Guide to Al“ von Mimi Onuoha und Diana Nucera bei. Andernorts geht es um Datenvermarktung und –sicherheit, um Recycling statt Wegwerfgesellschaft und Erdvermüllung, und um alte Rituale in der Kälte der modernen Metropolen.

Es ist die große Stärke dieser frischen, interessanten Schau, dass sie eindrücklich das Gleichgewicht zwischen Poesie und wissenschaftlicher Exaktheit hält und eine Bedeutsamkeit präsentiert, die mit leichtem Schritt und bisweilen sogar ausgesprochen witzig daherkommt. So wie im herrlichen Projekt von Simon Weckert „Google Maps Hacks“. Darin lösen 99 gebrauchte Smartphones, die in einem Bollerwagen durch Wien gezogen werden, einen Stau aus. Was zu einer verkehrsberuhigten, grünen Zone führt.

Bis 27. November, Öffnungszeiten September, Oktober dienstags bis sonntags  11 bis 19 Uhr,
November: dienstags bis sonntags  11 bis 18 Uhr.
Weitere Infos: esch2022.lu