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Ausstellung Marc Chagall in der Pfarrkirche St. Laurentius in Saarburg

Kunst : Bilder, die mit den Augen zu fühlen sind

In der Pfarrkirche St. Laurentius in Saarburg sind zum zweiten Mal Bibel-Illustrationen von Marc Chagall zu sehen – eine ausgesprochen sehenswerte Ausstellung.

Zwei junge Frauen stehen im himmelwärts strebenden Kirchenschiff von St. Laurentius in Saarburg und betrachten aufmerksam zwei Lithografien von Marc Chagall (1887-1985). Es sind Blätter aus den Illustrationen des Künstlers zur Bibel, genau genommen zum Alten Testament. Die eine der beiden trägt ein Kopftuch. Seit jeher haben Chagalls Bibel-Zyklen Menschen ganz unterschiedlicher Haltungen und Religionen fasziniert und zusammengeführt.

Nach dem erfolgreichen ­„Exodus-Zyklus“ im vorigen Jahr ist es die zweite Chagall-Ausstellung mit Bibel-Motiven, die in der Pfarrkirche zu sehen ist. Bereits in den ersten Tagen sei das Interesse groß, berichtet Hausherr Pfarrer Georg Goeres. Eine Auswahl von 48  Blättern umfasst die Bilderschau aus farbmächtigen Lithografien und lebendigen Schwarz-Weiß-Radierungen. Chagalls  Bilder seien sinnlich hat der französische Dichter Guillaume Apollinaire einmal festgestellt. Eben das ist der unmittelbare Eindruck beim ersten Rundgang durch die Schau. Chagalls Bibel- Bilder kann man mit den Augen fühlen. Was Menschen empfinden an Freude, Leid, Liebe, Angst, Verzweiflung und Sehnsucht, was sie an innerem Ringen mit sich und ihrem Glauben erleben, veräußert sich unverstellt und eingängig im Bildpersonal der Grafiken.

Mit der Bibel war der jüdische Künstler seit frühester Jugend vertraut. Sie sei der Angelpunkt für seine strenggläubige Familie gewesen, erinnert er sich später. Nicht allein das Alte Testament habe ihn interessiert, schreibt er ein andermal, sondern auch die Christus-Gestalt des Neuen Testaments. Chagalls  erste intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Bibel fällt, abgesehen von ein paar frühen Illustrationen, in dunkle Zeiten, nachdem ihm 1930 der Pariser Verleger und Kunsthändler Ambroise Vollard den Auftrag gibt, die Bibel zu illustrieren. Wie Chagall-Kenner vermuten, mag ihm die Beschäftigung mit ihr „Licht und Kraft“ bedeutet haben. Die Illustrationen entstehen in zwei Zyklen, der erste von 1931-1939, der zweite 1952-1956. Zunächst erarbeitet Chagall 105 Radierungen, nach dem Krieg dann die Lithografien. Erst im amerikanischen Exil hatte er diese Technik des Steindrucks erlernt, die seiner malerischen, bisweilen mystischen Vorstellung ausgesprochen entgegenkam.

Seine Bilder müssten etwas von ihm selbst enthalten, lautete Chagalls Credo. In den Saarburger Blättern mit ihren Motiven aus den Büchern Genesis, der Könige und denen der Propheten Samuel, Jesaja, Jeremia und Ezechiel treffen sich traditionelle russische Volkskunst und die jüdisch chassidische Lehre aus Chagalls weißrussischer Heimat. Gott ist in allem, heißt es darin, und damit in ständigem Dialog mit dem Menschen, der ihm durch sein Handeln antwortet. Tanz und Musik sind dabei ausgesprochen gottgefällig. Auch Chagalls Bibel-Bilder sind von großer Musikalität, von klingenden Farben und schwingenden Linien. Allerdings ist auch die Demut eine der wichtigsten chassidischen Tugenden. All das findet sich in den schönen Blättern wieder, die mit ihren einfachen Formen und ihrer poetischen Kraft, mit ihrem Traumblau und ihrem flammenden Rot anrührende Menschlichkeit und zuweilen geradezu kindliches Gottvertrauen verströmen.

Nicht immer herrscht in dieser biblischen Bilderwelt Harmonie zwischen Mensch und Gott. Ein Ringen um Sinn und Glauben, das Chagalls Bilder ausgesprochen modern macht. Chagalls Bibel-Illustrationen verbildlichen die Bibel  nicht nur als Glaubensdokument oder „Quelle der Poesie“ (Chagall), sondern vor allem als ein Werk, in dem in den Widersprüchen, Hoffnungen und Verwerfungen menschlichen Diesseits göttliches Jenseits erfahrbar wird. Was noch zu sagen bleibt: Die Ausstellung ist übrigens vorbildlich besucherfreundlich. Jedem Blatt ist die zugehörige Bibelstelle plus Kommentar beigefügt.

Die Ausstellung in der Pfarrkirche Laurentius in Saarburg läuft bis zum 13. September und ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet; Telefon 06581/ 2260.