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Ausstellung mit Fotografien zum Trierer Stadtrundgang "Meine liebe Scholle"

Fotoausstellung : Die schönsten und schrägsten Seiten der lieben Scholle

Aus dem inszenierten Stadtrundgang ist ein neues Kunstprojekt geworden: eine heterogene Fotoschau als Ausstellung und Buch.

Der Stadtrundgang „Meine liebe Scholle“ hat im September 2019 mehr als 1150 Besuchern ungewöhnliche und überraschende Seiten von Trier gezeigt. An zwei Wochenenden präsentierten Dutzende Akteure in der Innenstadt einen Mix aus Stadtführung, Performance, Musik- und Literaturdarbietung. Selbst Einheimische haben Neues entdeckt, Geschichten von nie beachteten Orten erfahren oder sich bei kurzen Vorführungen theatral unterhalten lassen. Und wegen so aufsehenerregender Programmpunkte wie dem Nachbarschafts­tratsch von Balkon zu Balkon in der belebten Simeonstraße verfolgten auch viele weitere Passanten das Projekt, dessen Abschluss eine internationale Künstlergruppe mitten im Porta-Tor arrangierte: Gegen einen (anonymen) Fingerabdruck erhielt jeder Teilnehmer mittels alter Handpresse einen neuen Ausweis der „Republic of Everywhere“ mit aufgeklebter Spiegelfläche.

Jetzt hängen die gesammelten Fingerabdrücke im Ausstellungsraum in der Trierer Tufa. Während die Besucher damals durch die neun Stationen geleitet wurden, hielten acht Fotografen das Geschehen in Bildern fest. Ein Teil davon ist nun in der Ausstellung zu sehen, die nicht nur dokumentarisch an die Rundgänge erinnert, sondern selbst künstlerische Ambitionen verfolgt. Was auf den ersten Blick als genialer Schnappschuss erscheint wie Martina Diederichs Foto vom „Gänsemarsch“, Stephen Levines Blick auf Vicky Ueberholz’ Trinkpause im dicken Bärenfellkonstüm, Peter Heinbüchers Bild von Regisseur Karsten Müller vor einer brüchig wirkenden Wand der Viehmarktthermen oder die in blaues und rotes Licht getauchten Impressionen Rainer Breuers im dunklen Keller des Palais’ Walderdorff, wo ein Kurzkrimi den Täter in der Mosel versenkte – sie alle sind doch nicht zufällig entstanden, sondern ästhetisch arrangiert und tragen überdies sehr unterschiedliche Handschriften. Die Stile in Schwarz-Weiß und Farbe reichen von der schlichten Dokumentation über Street Art bis hin zur Abstraktion. Besonders energiegeladene Porträts hat Tom Klein geschaffen.

Dazu ist ein sehr schöner Katalog erschienen. Wer sich also gern an die kurzweiligen Szenen an neun Orten erinnern möchte, an Percussion im Renaissance-Innenhof des Priesterseminars, an verstörende Szenen aus dem Leben der jüdischen Lyrikerin Gertrud Schloß oder ans Antoniushaus mit lateinischen Inschriften aus mehr als 1500 Jahren, der hat viel zu schauen – trotz manch störender Spiegeleffekte. Und wird vermutlich manchen Bekannten entdecken. Der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung ist bis zum 1. März im 1. OG der Trierer Tufa zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags, mittwochs und freitags von 14 bis 17 Uhr, donnerstags von 17 bis 20 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr. Die Finissage ist am Sonntag, 1. März, um 16 Uhr. Der Katalog „Scholle. Die Ausstellung. Ein künstlerischer Stadtrundgang“, herausgegeben von Rainer Breuer und Monika Wender, ist im Verlag Kleine Schritte erschienen.