Das Alphabet bis S Lesung beim Eifel-Literatur-Festival: Was im Roman von Navid Kermani drinsteht

Bitburg · Das Eifel-Literatur-Festival geht weiter mit einem unserer großen Autoren: Am Freitag liest Navid Kermani im Bitburger Haus Beda aus seinem 600-Seiten-Werk. Unser Reporter hat reingeschaut – und ist begeistert.

Autor Navid Kermani liest beim Eifel-Literatur-Festival aus "Das Alphabet bis S"
Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Ein Internet-Fund: „Zu diesem Buch gibt es noch keine Kurzmeinung.“ – Genau, besser als das Netzportal „lovelybooks“, wenn auch ungewollt, kann man nicht nichts über das jüngste Buch von Navid Kermani sagen. Denn: Mit einer „Kurzmeinung“ wird man dem Werk („Das Alphabet bis S“) ohnehin nicht gerecht.

Mit einer Langmeinung auch nicht. Was nicht allein daran liegt, dass die 600 Seiten mit „Roman“, wie auf dem Umschlag steht, nur rudimentär beschrieben sind. Wie oft bei Kermani enthält das Buch essayistische Passagen, ist zugleich (und ähnlich wie im doppelt so langen Großwerk „Der Name“ von 2011) Familienerzählung, Kommentar zu Gesellschaft, Religion, Weltgeschehen, die Passage über den Hass auf Israel ist schmerzend aktuell. Es ist auch ein Jahres-Tagebuch – und damit hat man immer noch nicht genug darüber gesagt.

Viele Themen, viele Namen, viele Einträge

Zumal sich die Hauptfigur, wann immer sie kann, auch noch in ihre „Lesegruft“ zurückzieht und sich endlich die Bücher vornimmt, die bislang verschmäht im Regal standen (kennt man von sich selbst und ist dankbar, dass man damit nicht der Einzige ist). Daraus entstehen wieder neue, mit Zitatfundstücken versehene Einträge, die lauter Lektüreanregungen liefern. Von A bis, genau, S, weiter kommt die Hauptfigur nicht. Lassen wir ein paar Namen raustropfen: Altenberg, Cioran, Dickinson, Green, Gernhardt, Hesse, Nádas. Und Nizon, der doch nur für Leser schreibt, die sich für Nizon interessieren. Lange bevor wir uns alle offenbar für Knausgård interessieren mussten. Aber auch hier: lauter Fundstücke.

Erfreuliche Gastauftritte haben außerdem der größte Nebendarsteller aller Zeiten, Harry Dean Stanton (nur zwei Mal war er Hauptdarsteller: in „Paris, Texas“ und im hinreißenden „Lucky“), und, wenig überraschend, Neil Young. Kermanis herrliches Buch über die heilsame Wirkung von Youngs Musik machte den Autor vor gut 20 Jahren bekannt.

Wie oft bei Kermani verwischen sich die Grenzen zwischen Erzählfigur (Frau, Mutter, um die 50, geschieden, deutsch-iranische, preisgekrönte öffentliche Intellektuelle, Berichterstatterin aus Kriegs- und Krisenregionen, lebt in Köln) und Autor (Mann, Vater, um die 50, geschieden, deutsch-iranischer, preisgekrönter öffentlicher Intellektueller, Berichterstatter aus Kriegs- und Krisenregionen, lebt in Köln). Schon spekulierte die Kritik darüber, warum Kermani sich denn als, huch, Frau präsentiere. Als sei es mittlerweile eine Unerhörtheit, sich in der Kunst einem anderen Geschlecht anzuverwandeln. Vielleicht ist es ja eine. Umso besser. So lange es noch erlaubt ist, brauchen wir unerhörte Bücher.

Ein vielfältiges Angebot, das man gerne annimmt

„Das Alphabet bis S“ berichtet davon, wie der namenlosen Erzählerin alles aus den Fugen gerät und sie, die gefragte Intellektuelle, bei kleinen Alltäglichkeiten und den großen Lebenskatastrophen auf Grund läuft: Trennung vom Ehemann, Tod der Mutter, schwere Erkrankung des heranwachsenden Sohns.

Das klingt nach niederdrückender Lektüre, aber dafür ist Kermani viel zu human und humorvoll. Allein die Schilderung mancher Familienszenen und -dispute, sie zeigt: Jede Familie ist auf ihre eigene Weise, nein, nicht unglücklich, sondern komisch, beknackt, liebenswert. Und die hier beschriebene wird uns gerade dadurch vertraut. Auch wenn wir keine Deutsch-Iranerinnen sind. Eines der vielen Angebote, die dieses Buch macht und die man gern annimmt.

„Das Alphabet bis S“ bietet eine ungemein anregende Lektüre, dauernd denkt man: Das ist so wahr und so gut gesagt, das muss man zitieren. Aber: wie das Richtige auswählen bei so vielen, wie bei Peter Nádas, brilliant „aufleuchtenden Details“?

Folgen wir dem Rat der Erzählerin: „Nehmen Sie sich aus einem Buch, was Sie wollen.“ Gern – wie diesen Eintrag nach einer Kölner Demonstration gegen Antisemitismus und der darin beschriebenen Kölschseligkeit der Kölner: „,Schaut auf den Dom!‘, ruft der nächste Redner und weist aufs Portal, über dem lauter Juden stünden, als ob in Köln selbst die Kirche ein Manifest gegen den Antisemitismus sei. Tatsächlich meint er die Skulpturen von Abraham, Noah, Moses und Jesus. Fehlt nicht viel, dass er sie Jecken nennt.“

Oder diesen: „Die paar Sekunden, bis du dich im Erwachen orientierst – der Blick fällt auf die frühlingssatten Bäume vorm Fenster, durch die hindurch das Sonnenlicht glitzert, darüber der Himmel heiter, der am Morgen noch grau erstarrt war, das Wohlsein im Körper, dem der Schlaf die Anspannung genommen hat, die frische Kraft –, ein paar Sekunden sind voller Zutrauen, weil der Verstand noch nicht eingesetzt hat.“ So schön, so wahr.

Immer noch nicht genug gesagt. Aber, siehe oben: Wir werden dem Buch nicht gerecht. Vielleicht schafft’s der Autor: Am Freitag liest Navid Kermani beim Eifel-Literatur-Festival im Bitburger Haus Beda. Im Anschluss ist eine Fragerunde vorgesehen. Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Der Abend ist ausverkauft.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Vom erwischt werden
Vom erwischt werden
Vinyl der Woche: Love Is A Wonderful Thing – Michael BoltonVom erwischt werden