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(Ba)rockiger Auftritt nachts im Museum

Das britische Ensemble Red Priest mit Adam Summerhayes, David Wright, Angela East und Piers Adams (von links) macht aus Händels Werken moderne Klänge im nächtlichen Landesmuseum. TV-Foto: Mechthild Schneiders
Das britische Ensemble Red Priest mit Adam Summerhayes, David Wright, Angela East und Piers Adams (von links) macht aus Händels Werken moderne Klänge im nächtlichen Landesmuseum. TV-Foto: Mechthild Schneiders FOTO: Mechthild Schneiders (mehi) ("TV-Upload Schneiders"
Trier. Das soll Barockmusik sein? Klingt eher wie Rock und Jazz, was Red Priest aus dem "Messias" von Georg Friedrich Händel rausholt. In kleiner Besetzung und teuflisch virtuos hat das britische Quartett im ausverkauften Trierer Landesmuseum sein Publikum von den Sitzen gerissen. Mechthild Schneiders

Trier. Für den "Messias" Georg Friedrich Händels braucht es ein Orchester, einen Chor und Solostimmen - oder die vier Musiker von Red Priest. Das britische Quartett - Violine (Adam Summerhayes), Cello (Angela East), Cembalo (David Wright) und Blockflöten (Piers Adams) - ersetzt nicht nur 25 Streicher, sondern die Bläser gleich dazu.

Das gelingt durch perfekt auf die Instrumente abgestimmte Arrangements - frei nach der barocken Praxis, die Besetzung den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.

So greift Adams für das Stück "Shepherds and Angles" zum Gemshorn. Und selbst Mundharmonika (Adams) und die moderne Melodica (Summerhayes) finden ihren Platz in der kleinen Kapelle. Da wird für die Arie "The trumpet shall sound" die Trompete einfach von der Blockflöte ersetzt - und niemand vermisst sie.

Auch den Gesang kompensiert das Ensemble mit Violine und Blockflöten, etwa in der Arie aus der Oper "Rinaldo", die sie kurzerhand in "Lascia ch'io Czardas" umbenennen. So klingt sie, als hätte ein ungarischer Geiger Händels Werk unter seine Finger genommen: nach Lebensfreude, ausgelassenem Tanz und Lagerfeuer. Oder kurz: "barocke Zigeuner-Fantasie", wie die Musiker ihr nächstes Projekt nennen. Einen weiteren Vorgeschmack darauf gibt's in der zweiten Zugabe.

Überhaupt wirken die barocken Stücke überraschend modern, mit Einflüssen von Rock, aber auch Jazz - sag noch einer, Klassik sei schwerfällig und langweilig. Red Priest beweist das Gegenteil. Wenn's dem Stück guttut, spielen sie es schon mal in doppeltem Tempo und setzen neue Akzente. "Handel in the wind" heißt denn auch ihr aktuelles Programm, zu Deutsch: "Händel liegt in der Luft".

Die Improvisation genießt - wie in barocker Zeit - auch bei Red Priest einen hohen Stellenwert. So geben sie die Passacaglia aus der Suite für Cembalo g-Moll in unzähligen Variationen wieder, mal zu viert, mal als Duo, dann wieder solo. Die vier könnten diese paar Takte einen ganzen Tag lang spielen, ohne die Melodien zu wiederholen. "Nachts im Museum", das ist ein Format, mit dem das Mosel Musikfestival schon seit Jahren mit ausgefallenen Ensembles im Landesmuseum überrascht. Und so erfolgreich, dass die 150 Plätze seit Wochen ausverkauft sind. Diesmal ist es Intendant Hermann Lewen geglückt, ein - wie er sagt - "barockig, klassisch verrücktes Ensemble" an Land zu ziehen. Und das Publikum dankt es mit Bravorufen und frenetischem Applaus.

Zu Recht. Denn Red Priest - benannt nach dem rothaarigen Priester Antonio Vivaldi - schafft es, in Minimalbesetzung und mit unglaublicher Virtuosität, die Werke Händels für das heutige Hörvergnügen neu zu arrangieren. Damit heben die vier Briten sich wohltuend ab von den zahlreichen Ensembles, die in den vergangenen Jahren die klassischen Werke aufgepeppt haben. Und mancher Gast wird nach dem Trierer Konzert den alten Meister mit anderen Augen sehen.

Red Priest wären keine Briten, würden sie ihre Performance nicht mit einer kräftigen Prise englischen Humors würzen. So schmuggeln sich Passagen aus dem Musical "Jesus Christ Superstar" in den zweiten Teil des "Messias", und Monty Pythons "Always look on the bright Side of Life" in das "Hallelujah". Einfach teuflisch gut, diese roten Priester.