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Bach, der Blues und die Samba

Mit Barockmusik, Blues, Jazz und Tango in Arrangements für Schlaginstrumente beeindrucken Peter Sadlo (rechts) – hier tatkräftig unterstützt von Simone Rubino – und sein Ensemble beim Mosel Musikfestival. TV-Foto: Anke Emmerling
Mit Barockmusik, Blues, Jazz und Tango in Arrangements für Schlaginstrumente beeindrucken Peter Sadlo (rechts) – hier tatkräftig unterstützt von Simone Rubino – und sein Ensemble beim Mosel Musikfestival. TV-Foto: Anke Emmerling
Trier. Was verbindet Barockmusik von Johann Sebastian Bach mit Tango, Blues und Jazz? Der Perkussionist Peter Sadlo hat bei einem Open- Air-Konzert des Mosel Musikfestivals im Hof des Kurfürstlichen Palais in Trier die Antwort gegeben: Es ist der besondere rhythmische Groove. Rein auf Schlaginstrumenten eröffneten der Virtuose und vier Begleiter ungewohnte Klangwelten. Anke Emmerling

Trier. Ein warmer Sommerabend und das besondere Ambiente historischen Gemäuers - das weckt Lust auf feurige Rhythmen. Und die gibt es dann auch satt beim Open Air des Mosel Musikfestivals im Innenhof des Kurfürstlichen Palais - wenn auch etwas anders, als es das zuletzt allerorten von brasilianischen Fußball- WM-Soundtracks umspülte Ohr gewöhnt ist.
Der zu den weltweit bedeutendsten Solo-Schlagzeugern zählende Nürnberger Perkussionist Peter Sadlo und vier Freunde aus der Schlagzeug-Zunft haben gleich zum Einstieg Barockmusik mitgebracht, das Preludio aus der Partita für Violine solo Nr. 3 E-Dur von Johann Sebastian Bach.
Vibrafon statt Violine


Die Violine hat in ihrer Version jedoch ausgedient, stattdessen klingen Vibrafon, Marimba, Bongos, Schlagzeug, verschiedene Percussion-Instrumente und Marimba-Keyboard. Sie erzeugen einen temporeichen, quirligen Rausch glockiger, erdiger und metallischer Töne, die sowohl die mathematisch-rhythmische Ordnung der Bach\'schen Komposition als auch deren eingängige Melodie in ein modern-unterhaltsames Format übersetzen.
Angesichts des großen Arsenals an Schlaginstrumenten überrascht es, wie melodisch und wie wenig laut sich diese Musik anhört. Sadlo, der unter anderem Solopauker bei den Münchner Philharmonikern, Schlagzeug-Professor in München und Salzburg war, hat noch mehr Bach-Stücke im Programm. Das entspricht dem Schwerpunkt "Barock" des Mosel Musikfestivals 2014, aber auch einer persönlichen Leidenschaft des Mannes, der nach eigenem Bekunden schon als Kind "Bachs Groove" schätzte.
Das Spannendste ist die Variation über die Fuge C2. Hier nämlich weicht die sonst eher gefällig-melodische einer das Hauptmotiv rhythmisch verfremdenden Formensprache. Das Ergebnis hört sich an wie ein virtuos improvisiertes, sich ekstatisch steigerndes Schlagzeug-Solo, bei dem Sadlo als besonderen Effekt rhythmischen Gesang durch ein Megafon einsetzt.
Die eigentliche Überraschung des Abends aber ist, in welche Zusammenhänge Sadlo und seine internationalen Kollegen Claudio Estay, Kiril Stoyanov, Simone Rubino und Samuel Wooten den Klassiker Bach betten. Sie umgeben ihn mit zwei weichen und verschmitzten Bluestiteln auf Vibrafon und Marimba, einem melancholischen argentinischen Tango oder dem als temperamentvolle Samba-Nummer interpretierten Jazz-Stück "Spain" von Chick Corea.
Rhythmen gehen ins Blut


In der Publikumsgunst ganz oben landet ein Arrangement von Kiril Stoyanov. Darin führt er ein Madrigal und einen Tanz aus seiner bulgarischen Heimat zusammen. Die folkloristischen Rhythmen gehen den Zuschauern sichtlich ins Blut. Für Furore sorgt auch Stoyanovs Solo auf einer Trommel, die in Bulgarien den "Trotteln" (musikalisch nicht so Begnadeten) zugeordnet wird, hier aber herausragende Akzente setzt.
Am Ende gibt es viel Applaus für ein kurzweiliges Sommerabendvergnügen, das Grenzen zwischen klassischer und moderner, ernster und unterhaltender, improvisierter und folkloristischer Musik so leichthändig wie humorvoll verwischt hat.