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"Bachs Musik vermittelt Zuversicht"

"Bachs Musik vermittelt Zuversicht"

Beim Mosel Musikfestival ist Martin Stadtfeld zum ersten Mal aufgetreten. Auch in diesem Jahr ist er wieder dabei - mit einem Programm, das ausschließlich Johann Sebastian Bach gewidmet ist.

Trier. Als Martin Stadtfeld 2002 den Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, schlugen die Wellen der Begeisterung hoch. Obwohl sich der heute 34-jährige Koblenzer in den vergangenen Jahren mit Rachmaninow, Beethoven und anderen Komponisten auseinandergesetzt hat, wird sein Name noch immer vor allem mit Bach assoziiert. Am Sonntag, 16. August, 11 Uhr, spielt Stadtfeld beim Mosel Musikfestival im Kurfürstlichen Palais Trier. Unser Mitarbeiter Christoph Forsthoff hat mit ihm gesprochen. Zahlen sind ein verpöntes Thema in der Klassik, trotzdem die Frage: Verkaufen sich Ihre Alben mit Bach-Konzerten besser als die mit den Werken anderer Komponisten? Stadtfeld: Sie verkaufen sich schon am besten, allerdings führt das nicht dazu, dass das Label sagt, ich solle jetzt immer Bach spielen. Solch einer Einengung wäre dann ja auf Dauer auch kein Erfolg in puncto Verkaufszahlen bestimmt. Dennoch werden Sie auch von Konzertveranstaltern bevorzugt mit Bach gebucht. Wie frei sind Sie in Ihrer Entscheidung? Stadtfeld: Natürlich freuen sich die Veranstalter, wenn ich auch ein Stück von Bach spiele. Aber auch mir fehlt eigentlich etwas, wenn gar kein Stück von Bach dabei ist: Bach ist für mich der Ausgangspunkt für alle Musik, die danach kommt, denn bei jedem Komponisten gibt es einen Bezug zu Bach. Gleichzeitig attestierten Sie Bach, seine Musik habe für Sie "fast etwas Gottähnliches". Musik als Religionsersatz? Stadtfeld: Wenn Bachs Musik eine Religion ist, dann eine, die vermittelt, was im Menschen vorgeht und diesen mit seinen Gefühlen aufnimmt. Und die Verschmelzung dieser beiden eigentlich entgegengesetzten Ebenen ist bei Bach so einzigartig: einerseits die Religiosität, Erhabenheit und Spiritualität, andererseits ist jede Note zutiefst menschlich. Wie halten Sie selbst es über die Musik hinaus mit der Religion? Stadtfeld: Eine kirchliche Religion ist für mich eigentlich kein Thema mehr. Jede Religion ist ja eine Form von Sinnsuche, versucht Trost zu spenden und drängende Fragen zu beantworten. Und all dies finde ich auch sehr stark in der Musik von Bach: Ein Orientierungspunkt, der die Dinge geraderückt, einen manchmal davor bewahrt, sich in den täglichen Ängsten zu ergehen und auch Zuversicht vermittelt. Diesen Orientierungspunkt versuchen Sie auch bei Schulbesuchen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben. Stoßen Sie dabei an Grenzen? Stadtfeld: Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt, dass in puncto Musikunterricht an den Schulen viel zu wenig oder sogar gar nichts mehr passiert. Das finde ich persönlich bedrückend, aber auch aus gesellschaftlicher Sicht problematisch, denn wir sind auf dem besten Wege, dass das Gerede von unserem kulturellen Erbe oder dem Land der Dichter und Denker eines Tages nur noch Worthülsen ohne Inhalte sein könnten. Woran liegt das? Stadtfeld: An einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Geringschätzung seitens der verantwortlichen Politiker. Jeder Mensch, zu dessen Leben die Musik gehört, weiß, was diese bedeutet. Wem sie indes vollkommen fremd ist, kann diese Bedeutung natürlich noch nicht einmal ahnen und wird auch keinen Wert darauf legen, dass Musik ein wesentlicher Teil der Kinder- und Jugenderziehung ist. Klingt nach einer düsteren Perspektive für die Klassik … Stadtfeld: ... man muss Optimist bleiben und trotzdem im Rahmen der eigenen Möglichkeiten die Vermittlung weitertreiben. Sei es im Konzert oder hin und wieder auch in der Begegnung mit Jugendlichen. Mir bereitet Letzteres sehr viel Freude, und ich bekomme dabei auch sehr viel zurück. Man könnte dem entgegen, die Abkehr von der Klassik sei nicht so dramatisch, denn heute gebe es Rock- und Popmusik und die sei eben die Musik unserer Zeit. Stadtfeld: Sicher geht es letztlich darum, was Musik dem Einzelnen vermittelt. Andererseits haben wir es etwa bei Beethoven mit einer großen Persönlichkeit zu tun, die zwar einerseits ihre Seele in ihrer Musik spiegelt, zugleich aber dies in ein Meisterwerk bringt. Und diese Verschmelzung von individuell empfundener Emotion und Form, dieses Ringen mit den Ideen, macht doch erst das Meisterwerk aus. Auch Popkünstler nehmen für sich in Anspruch, ihre Seele in ihrer Musik offenzulegen. Stadtfeld: Der überwiegende Teil der heutigen Popularmusik ist eher eine Industriemusik, die nur darauf abzielt, den vermeintlichen Massengeschmack zu treffen. Es gibt Ausnahmen, aber das Gros ist nicht von großen Persönlichkeiten, die sich mit ihrer Musik entäußern. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Kann man Klassik nicht einfach auch genießen? Stadtfeld: Natürlich ist die Frage, was man möchte: Geht es nur noch darum, dass die Klassik in Scheibchen geschnitten wird? Oder geht es um die Vermittlung dessen, was diese Musik ausmacht: Ihre Größe und das, was sie in einem auslösen kann? Dafür aber muss man sich ihr hingeben und kann dies nicht mal eben so im Vorbeigehen mitnehmen. Das möchten Sie vermitteln? Stadtfeld: Das ist mir ein Anliegen, aber es ist natürlich viel schwieriger als zu sagen: Hey, ist doch alles total sexy. Was ich ohnehin nicht mehr hören kann: Klassik ist doch so sexy - Da klappen sich mir die Zehennägel hoch (lacht). Erreichen Sie denn Kinder auf diesem ernsthaften Weg? Stadtfeld: Ja eben dadurch, dass ich sie sehr ernst nehme und sehr ernst anspreche. Dadurch, dass ich sie eben nicht grundsätzlich da abhole, wo sie stehen - übrigens auch einer dieser grausamen Sprüche -, sondern dass ich sie wirklich ernst nehme und ihnen vermittele, dass es um etwas geht: um Gefühle, die jeder kennt.chfmoselmusikfestival.de