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Bachs Weihnachtsoratorium erstmals vollständig im Trierer Dom

Aus Stall und Krippe weit in die Welt : Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium erstmals vollständig im Trierer Dom

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium erstmals vollständig im Trierer Dom

 Es war eine Atmosphäre – ehrwürdig, vielleicht sogar ehrfürchtig. Obwohl die coronabedingt reduzierten Sitze im Dom voll besetzt waren, blieb doch alle Unruhe, blieb alle Suche nach dem gerade günstigsten Platz, blieb alle geräuschvolle Verständigung aus. Und statt in sakralem Halbdunkel zu versinken, strahlte das Innere der Bischofskirche bis in den letzten Winkel eine Helligkeit und Feierlichkeit aus, wie man sie nur selten erleben kann.

Vorne, an den Stufen zum Altar, hatte sich das in Trier bestens bekannte Barockorchester „L‘arpa festante“ zu Bachs Weihnachtsoratorium aufgestellt. Und mit dem „Vokalensemble der Dommusik Trier“ tritt dazu eine klein besetzte Formation. Vielleicht zu klein? Alle Bedenken zerstreuen sich indessen rasch. Der Klang der gut 30 hochqualifizierten Sängerinnen und Sänger kommt mühelos über das Orchester herüber. Die Klangbalance stimmt. Mehr noch: Details werden hörbar, die bei oratorischer Besetzung häufig untergehen: Die Flöten beispielweise im Eröffnungschor – welch milden Glanz verbreiten sie!

Domkapellmeister Thomas Kiefer gibt schon dieser Eröffnungskantete einen bewegten, beschwingten Tonfall mit. Schon in den ersten Sätzen zeigt sich, wieviel künstlerische Energie und wieviel Liebe zu Bachs Musik die Interpreten eingebracht haben. Tilman Lichdis Evangelist ist kein sanfter oder gar neutraler Erzähler. Er verkündet mit starkem Ton das Wunder der Weihnacht und brilliert in seinen großen Bravour-Arien (Nr. 15 und 41). Ulrike Malottas rund und dennoch schlank klingender Alt gibt dem folgenden Rezitativ (Nr. 3) Klangfülle und unsentimentale Klarheit mit. In den Mittelteil ihrer ersten Arie (Nr. 4), legt sie eine wunderbare Erwartungsfreude. Und wenn in den folgenden Kantaten der Fokus immer stärker auf diese Altistin fällt, dann besitzt sie genügend Kraft zur Differenzierung – liebevoll sanft, mit weitem Atem die zweite Arie (Nr. 19) theologisch reflektierend dann die dritte (Nr. 31).

Johannes G. Schmidt Bass strahlt in seiner Trompeten-Arie (Nr. 8) königliche Würde aus und verbindet sich mit Sopranistin Anna-Sophie Brosig zu einem zärtlich-empfindsamen Duett (Nr. 29). Und dazu der Chor! Wie herrlich klingen bei den Sängerinnen und Sängern Bachs wunderbare Neukompositionen „Ehre sei Gott“ und „Lasset uns nun gehen“ (Nr. 21 und 26, die meisten Sätze hat Bach übertragen aus seinen weltlichen Kantaten).

Und das Orchester bietet in der großartigen Sinfonia (Nr. 10) ein Spektrum an Klangfarben auf, wie es nur bei historischen Instrumenten möglich wird. Vielleicht hätte ein etwas vorsichtigeres Tempo dem Gesamteindruck gut getan und manche Klangkonturen geschärft. Ganz herrlich gelingen die Choräle, die sich wie ein roter Faden durch das Weihnachtsoratorium ziehen.

Kiefer gibt ihnen eine erstaunliche Tiefe mit. Er verhält jeweils am Ende der Choralzeile, setzt damit Ruhepunkte und bringt Stille und Nachdenklichkeit ein. So wurden die einfachsten, die unspektakulärsten Sätze im Weihnachtsoratorium zugleich zu den schönsten und innigsten.

Und dann das zweite Konzert mit den Kantaten vier bis sechs. Wer dabei war, erlebte mehr als nur große Musik in exzellenter Interpretation. Bach eröffnet in diesen Kantaten ein neues Kapitel der Weihnachtsgeschichte. Was einst in Stall und Krippe geschah, weitet sich jetzt zu einem Welt umfassenden Ereignis.

Die vierte Kantate mit den beiden hervorragend gespielten Naturhörnern ist wie ein Signal für die Wendung, die sich auch in Bachs Musik vollzieht. Bach greift zu neuen Klang- und Ausdrucksmitteln, zu Echowirkungen und in der Sopran-Arie der sechsten Kantate (Nr. 57) zu einer weltlichen Polonaise. Wie leichthändig realisiert Anna-Sophie Brosig diese tänzerische Arie. Die Solisten, unter ihnen der kurzfristig eingesprungene Bass Thilo Dahlmann, formieren sich nach derart souverän bewältigten Solo-Stücken am Ende zu einem eindrucksvoll homogenen Quartett. Und der große, erneut exzellent musizierte Finalsatz entlässt die Besucher entspannt und in bester Stimmung.

Dass die Veranstalter in beiden Konzerten Sorgfalt gegenüber Ansteckungen walten ließen, versteht sich. In diesem Fall ging man ein Stück weiter und verpasste im Programm auch dem Thomaskantor eine Maske. Was der wohl dazu gesagt hätte?