Bachs Weihnachtsoratorium in Trier St. Maximin lief nicht ganz ungetrübt ab

Bachs Weihnachtsoratorium : Konzert mit großem Ausrufezeichen

Die Weihnachtsmusik von Johann Sebastian Bach in der Trierer Abteikirche St. Maximin war eine Aufführung voller Schönheiten. Ganz ungetrübt lief sie aber nicht ab.

Fast hätte es eine Gegenveranstaltung zum allgemeinen Weihnachtsrummel werden können. Während sich einige hundert Meter entfernt auf Hauptmarkt, Domfreihof und zugehörigen Straßen der Klingklang austobte, empfing die ausverkaufte Ex-Abteikirche St. Maximin rund 800 Besucher in ihrer schmucklosen Monumentalität.

Beim Konzert mit Bachscher Weihnachtsmusik war der Zuschauerbereich abgedunkelt. Nichts sollte ablenken von dem Heilsgeschehen, das der Thomaskantor so faszinierend in Töne setzte. Maximin wurde im überlauten Weihnachten draußen eine Insel der Besinnung. Und die Abdunkelung des Zuschauerbereichs unterstrich noch den Willen des veranstaltenden Trierer Konzertchors zur Konzentration auf geistliches Wort und geistliche Musik.

Schon der Eingangschor zur ersten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium klang wie ein Signal. Der Konzertchor strahlte eine bemerkenswerte Präsenz und Sprachdeutlichkeit aus. Nichts wirkte beiläufig und quasi nebenher musiziert. Heikle Einwürfe („Lasset uns nun gehen“, Kantate 3, Nr. 26) gelangen dann mit Bravour. Das Frankfurter Main-Barockorchester mit seinem historischen Instrumentarium war im Vergleich zum Oratorienchor eher klein besetzt, bestach aber mit filigranen Streichern, einem exzellenten Holzbläsersatz und einer herrlich warm-klangvollen und fast makellosen Trompetengruppe.

Auch die vier Solisten nahmen die Vorgabe eines wortbezogenen und zugleich ausdrucksvollen Singens auf. Daniel Johannsens heller Tenor war bei den Rezitativen an Deutlichkeit nicht zu übertreffen, bewältigte die Arie in Teil sechs (Nr. 62) indes eher angestrengt. Raimund Noltes Bass verband Noblesse im Ton mit sprachlicher Prägnanz. Wie schön, wie eindringlich geriet sein Rezitativ zum Choral im ersten Teil (Nr. 7), wie königlich die folgende, große Trompeten-Arie (Nr. 8)!

Antje Bitterlichs klanglich eher schmaler Sopran sang sich nach verhaltenem Beginn Schritt für Schritt frei und brillierte schließlich in der Solokantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ mit makelloser Höhe und sicheren Koloraturen. Und dann Marion Eckstein. Beeindruckend, wie die Altistin gleich nach Beginn des Weihnachtsoratoriums dem Rezitativ (Nr. 3) Kraft und Tiefe mitgab, mit welcher Entschiedenheit sie im Terzett von Kantate fünf (Nr. 51) in das Sopran-Tenor-Duett eingriff („Schweigt, er ist schon wirklich hier“). Und ihr gelang es, der oft vernachlässigten Alt-Arie im dritten Teil (Nr. 31) endlich die Innigkeit mitzugeben, die ihr gebührt.

Es war eine Aufführung voller Schönheiten. Ganz ungetrübt lief sie aber nicht ab. Zur Wahrheit gehört, dass Jochen Schaafs geradezu minimalistisches, fast immer auf kleine Gesten beschränktes Dirigat zwar den Fluss der Musik förderte, aber auch etliche Unschärfen zur Folge hatte. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Konzentration der Interpreten in der sechsten Kantate deutlich abnahm. Zudem bleibt offen, ob die Programm-Disposition allzu glücklich war. Die Beschränkung auf die Kantaten 1, 3, 5 und 6 nahm dem Weihnachtsoratorium die Geschlossenheit, die Bach zweifellos beabsichtigte. Die Weihnachtsgeschichte wurde zum Fragment. Und die Solokantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ einzuschieben, ist zwar legitim, weil Bach eine universelle Verwendung ausdrücklich freigibt („per ogni tempo“). Aber trotz der Glanzlichter von Sopran und Trompete wirkte sie im Umfeld des Weihnachtsoratoriums wie ein Fremdkörper.

Am Ende Anerkennung für Solisten und Orchester, Jubel für den Chor. Aber Fragen bleiben offen. Ob sich beim Publikum echte, christliche Fest-Vorfreude eingestellt hatte? Ob alle Besucher etwas verspürten von dem großen Ausrufezeichen in dieser Musik – „Gott ist Mensch geworden“? Schwer zu beurteilen.

Das Frankfurter Main-Barockorchester mit seinem historischen Instrumentarium bestach unter anderem mit einem exzellenten Holzbläsersatz. Foto: TV/Martin Möller

Wahrscheinlich ist in den Zeiten von Weihnachtsmärkten, Glühwein und weihnachtlicher Konsumwut das Wunder der Christgeburt kein unbefragter Glaubenssatz mehr. Dann muss dieses Wunder immer wieder neu erlebt und neu empfunden werden. In Wort und Musik.