| 21:10 Uhr

Barbarei, Bildgewalt und eine brillante Binoche

Unter der sengenden Sonne Thebens hat Antigone (Juliette Binoche) ihren gefallenen Bruder beerdigt und stellt sich damit gegen das Gesetz von König Kreon (Patrick O'Kane) und dessen Wächter (Obi Abili, links). Foto: Jan Versweyveld
Unter der sengenden Sonne Thebens hat Antigone (Juliette Binoche) ihren gefallenen Bruder beerdigt und stellt sich damit gegen das Gesetz von König Kreon (Patrick O'Kane) und dessen Wächter (Obi Abili, links). Foto: Jan Versweyveld
Luxemburg. Eine Weltpremiere mit der Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche zieht das Publikum im Luxemburger Grand Théâtre in ihren Bann. Aufwühlende Bilder und Töne in einer äußerst poetischen, englischen Neu-Übersetzung liefert die "Antigone" von Sophokles in der Inszenierung von Ivo van Hove. Dirk Tenbrock

Luxemburg. Als die glühende orangefarbene Bühnensonne im Grand Théâtre aufgeht, sind die Zuschauer zunächst irritiert, aber auch gebannt von der schlichten Schönheit der weit ausladenden Kulisse. Die Spannung, die die Inszenierung von Starregisseur Ivo van Hove erzeugt, wird über die gesamten gut 100 Minuten der Premiere bestehen bleiben. Dominiert wird die Szenerie von einer Wand, auf der Projektionen von kargen Landschaften und eindrucksvolle Bilder aus heutigen - vom Bürgerkrieg geplagten - Gesellschaften zu sehen sind (Bühne und Licht: Jan Versweyveld).
Die 2400 Jahre alte Tragödie "Antigone" von Sophokles verhandelt die großen Themen der Bürgergesellschaften: Steht die Staatsräson über der Würde des Individuums? Und wie viel zählt ein einzelnes Schicksal in diesem Gefüge?
Antigone (Juliette Binoche) betrauert den Tod ihrer beiden Brüder Eteokles und Polyneikes, die sich im Kampf um den Thron von Theben gegenseitig getötet haben. Der neue König von Theben, ihr Onkel Kreon, verbietet die Bestattung des Angreifers Polyneikes, sein Körper soll auf dem Schlachtfeld den Tieren überlassen werden. Dagegen begehrt Antigone auf, sie begräbt den Bruder gegen das Gesetz und startet so eine Spirale von Gewalt und Tod. Alle sind Opfer und Täter zugleich, es gibt keine Gewinner. Als sich Kreon am Ende einsichtig zeigt und Antigone aus ihrem Gefängnis befreien will, ist es zu spät. Sie ist tot, ihr Verlobter Haimon (der Sohn des Kreon) ebenfalls und auch dessen Mutter Euridike. Es zeigt sich die Barbarei durch das halsstarrige Festhalten an von Menschen gemachten Gesetzen, aktuelle Bezüge - auch symbolisiert durch die modern anmutenden Kostüme - sind immanent: Die Opfer der über ukrainischem Kriegsgebiet abgeschossenen Passagiermaschine lagen im vergangenen Sommer auch über mehrere Tage im Freien, bevor sie in einer beeindruckenden Zeremonie in den Niederlanden ihre Würde zurückerlangten.
Humanismus über dem Gesetz


Die 50-jährige Binoche spielt die jugendliche Antigone recht beeindruckend und wahrhaft, mit reduzierter Gestik und Mimik; der zierlichen, fast alterslosen Französin nimmt man den Furor, aber auch das Leiden der Figur ab. Sie verkörpert den Humanismus, der über den Gesetzen steht. Als internationaler Star ist die Oscar-Preisträgerin ("Der englische Patient", 1997) das Zugpferd dieser Ko-Produktion von Luxemburger Grand Théâtre und Londoner Barbican, die noch auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, in London, Paris, Edinburgh und New York zu sehen sein wird.
Patrick O\'Kane entwickelt den Kreon vom kalkulierten Machtpolitiker zum gebrochenen Mann in all seinen Facetten. Den schauspielerisch intensivsten und eindrucksvollsten Auftritt hat Finbar Lynch als Seher, der die schrecklichen Folgen der Fehlentscheidungen des Königs vorhersagt. Kirsty Bushell als Antigones Schwester Ismene, Obi Abili (Wächter), Kathryn Pogson (Euridike) und Samuel Edward-Cook (Haimon) fügen sich einzeln und als Chor nahtlos ein, lobenswert auch, dass man jedes Wort klar verstehen kann.
Van Hove und Binoche suchten sich für die neue, englische Textfassung Anne Carson aus, eine Dramatikerin, deren Text zugänglich und dabei melodisch, rhythmisch und hoch poetisch ist. Die wunderbar lautmalerische Hintergrundmusik (Daniel Freitag) kumuliert in einem dissonanten Ende wie aus einem amerikanischen Roadmovie. 970 Zuschauer spenden intensiven Applaus.