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Beatrix Bouvier: Mission erfüllt

Zweifaches Ära-Ende: Karl-Marx Haus-Chefin Beatrix Bouvier (64) geht in Ruhestand. Die Stelle wird nicht neu besetzt. Zudem will die Friedrich-Ebert-Stiftung das Haus verkaufen, das seit 1981 ihr Trierer Studienzentrum beherbergt. Von unserem Redakteur Roland Morgen Von Roland Morgen

Trier. "Eigentlich schade. Ich hatte mich so an ihn gewöhnt", kommentiert Professorin Dr. Beatrix Bouvier scherzhaft ihren bevorstehenden Abschied. "Er", das ist Kommunismus-Vordenker Karl Marx (1818-1883), zu dem die Historikerin ein bekannt ambivalentes Verhältnis pflegt: "Unbestreitbar eine große historische Figur. Aber die Radikalität seines Denkens und die ihm eigene Kompromisslosigkeit sind mir persönlich fremd." Dennoch hat ihr der berühmteste aller gebürtigen Trierer "den krönenden Abschluss" ihrer beruflichen Karriere beschert. Am 1. Juli 2003 übernahm die Bonnerin die Leitung des Karl-Marx-Hauses. Am 2. Dezember wird sie 65; und noch ein Weilchen dranhängen, das ist bei ihrem Arbeitgeber Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) nicht drin.

Der Abschied fällt schwerer, als sie vor sechseinhalb Jahren glaubte. Zumal sie ein schweres Erbe antrat. Seit 1968 gehört das Marx-Geburtshaus der SPD-nahen Stiftung, die 1980/81 an der Ecke Metzel-Johannisstraße zudem das Studienzentrum baute. Das war bereits ein Auslaufmodell, und einige Stellen waren gestrichen, als die FES Beatrix Bouvier nach Trier beorderte. Vorrangiger Auftrag: den verstaubten musealen Betrieb neu konzipieren und optisch aufpeppen, auf dass er "auch Menschen ohne Vorkenntnisse verständlich ist".

Friedrich-Ebert-Stiftung will Studienzentrum verkaufen



Diese Mission betrachtet sie als erfolgreich abgeschlossen." Tatsächlich ist es gelungen, das barocke Marx-Haus (Brückenstraße 10) zu einem soliden Eckpfeiler der Museumsstadt Trier zu machen. 42 000 Besucher kommen jährlich - 50 Prozent mehr als zu Beginn des Jahrzehnts. Erfolgsfaktoren? "Ein kleines, aber gutes Team - und auch einige glückliche Zufälle." Als das ZDF Ende 2003 "Deutschlands Besten" suchte und Marx auf Platz 3 (hinter Adenauer und Luther) landete, und bei Eröffnung der neuen Ausstellung im frisch renovierten Karl-Marx-Haus durch SPD-Parteichef Franz Müntefering im Juni 2005 die "Heuschrecken"-Diskussion die Republik bewegte - "das hat uns sehr viel mediale Aufmerksamkeit beschert." Selbst die Weltwirtschaftskrise, als deren Prophet der Weltveränderer aus Trier heute gerne apostrophiert wird, trage mit dazu bei, "dass unser Haus mehr denn je wahrgenommen wird"

Dennoch verzichtet die FES darauf, Beatrix Bouviers Stelle neu zu besetzen. Museum und Studienzentrum betreut ab 2010 Dr. Anja Kruke, Leiterin des Stiftungsarchivs für Soziale Demokratie, von Bonn aus. Von der Studienzentrums-Immobilie will sich die FES trennen. Beschlossen ist noch nichts. Aber: "Wir werden das Haus nicht halten können. Die wirtschaftlichen Zwänge sind zu groß", glaubt Beatrix Bouvier. Die eigene Zukunft sieht sie klarer: "Der Karl und ich bleiben weiter verbunden." Die Bonner Historikerin, die bis zum Wintersemester 2008/09 Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt gelehrt hat, wird weiter dem Vorstand der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (Berlin) und der Redaktion des Marx-Engels-Jahrbuchs angehören. Regelmäßige Trier-Besuche stehen ebenfalls auf dem Programm: Dort hat Beatrix Bouvier den Partnerschaftsverein Deutsch-Chinesische Gesellschaft mit aus der Taufe gehoben und bleibt "sehr gerne" Vorstandsmitglied.

Meinung

Ferngesteuert

Chefs Trierer Museen bleiben - abgesehen von Regel bestätigenden Ausnahmen wie Hans-Peter Kuhnen (1994 bis 2002 im Landesmuseum) - normalerweise lange im Amt, und ihr Wirken ist entsprechend fruchtbar. Beatrix Bouvier hat in nur sechseinhalb Jahren vergleichsweise Großes vollbracht. Karl Marx ist für Trier mehr denn je ein Standortfaktor mit Perspektive. Nicht erst 2018, zum 200. Geburtstag, kann die Stadt von ihrem lange geschmähten, aber weltberühmten Sohn profitieren. Umso unverständlicher ist die Entscheidung der Friedrich-Ebert-Stiftung, das Museum Karl-Marx-Haus ab 2010 von der Bonner Zentrale aus fernzusteuern. Welche Auswirkungen das auf die Dachmarke "Museumsstadt Trier" hat, ist noch gar nicht abzusehen. r.morgen@volksfreund.de